Gast des ilb 2001
Lydia Davis wurde 1947 in Northampton, Massachusetts,
geboren. Sie wuchs dort und in New York City auf, verbrachte aber einen
Teil ihrer Schulzeit in Graz, Österreich, wo sie die
Ursulinenklosterschule besuchte. Nach ihrem Studium am Barnard College
ging sie für fast drei Jahre ins Ausland, nach Irland und Frankreich.
Während ihrer Zeit in Paris arbeitete sie als Übersetzerin für die
Filmindustrie und für Kunstgalerien, bevor sie sich ganz auf die
Übertragung literarischer Texte konzentrierte. Inzwischen hat sich
Davis mit Übersetzungen von Autoren wie Marcel Proust, Maurice
Blanchot, Michel Butor, Pierre Jean Jouve und Michel Leiris einen Namen
gemacht. Für den Band »Scratches« des Surrealisten Leiris erhielt sie
1992 den French-American Foundation Translation Award. Zur Zeit
schließt sie ihre Übertragung von Gustave Flauberts »Madame Bovary« für
Viking Penguin ab.
Den größten Teil der Kurzgeschichten, die 1976 in einer ersten Sammlung
unter dem Titel »The Thirteenth Woman and Other Stories« publiziert
wurden, schrieb Davis in Südfrankreich. Mit »Break it down« kam 1986
bei Farrar, Straus & Giroux ihr erster großer Band mit Erzäh-lungen
heraus, der daraufhin bei der Auswahl für den Literaturpreis der
PEN/Hemingway Foundation in die Endrunde kam. Auf ihren bisher einzigen
Roman, »The End of the Story« (1995), folgte 1997 mit »Almost No
Memory« ein weiterer Erzählungsband. Präsent ist die Autorin überdies
in zahlreichen renommierten Literaturzeitschriften und Anthologien.
Während ihr Roman bereits ins Französische und ins Polnische übersetzt
wurde, liegt auf deutsch bisher nur eine Kurzgeschichte von ihr vor.
Neben anderen Auszeichnungen hat Lydia Davis ein Guggenheim Stipendium
und den Lannan Literary Award erhalten. Sie ist mit dem Maler Alan Cote
verheiratet, lebt mit ihm und ihrem Sohn Theo in Port Ewen, New York,
und ist zurzeit Writer in Residence an der Universität von Chicago.
Ihre gleichzeitige Tätigkeit als Übersetzerin schlägt sich, so die
Kritikerin Edith Jarolim, in der Prosa von Lydia Davis nieder. Ihre
Figuren seien nicht nur der zeitgenössischen Welt, sondern auch ihrer
eigenen Sprache entfremdet und erschienen manchmal wie intelligente
Ausländer, die gelernt haben, korrekt zu sprechen, aber die
Umgangssprache noch nicht ganz beherrschen. Sie selbst charakterisiert
ihr Schreiben als eine philosophische Untersuchung – über das
Verhältnis von Imagination und Wirklichkeit, über die Wahrnehmung von
Ich-Identität, oder über den Konstruktionscharakter von Wahrheit. Immer
wieder thematisiert sie den Status von Kommunikation – zwischen ihren
Figuren wie zwischen Autor und Leser. So diskutiert die Erzählerin
ihres Romans nicht nur mit ihrem Geliebten über unterschiedliche
Interpretationen von Worten und Handlungen, sondern reflektiert
außerdem fortwährend ihre eigene Schriftstellertätigkeit. Das
selbstbekundete Interesse der Autorin gilt der Diversität literarischer
Ausdrucksformen, mithin der Vielfalt von Möglichkeiten, durch die
Sprache Realitäten zu erzeugen.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Break it Down
Farrar, Straus & Giroux
New York, 1986
The End of the Story
Farrar, Straus & Giroux
New York, 1995
Almost no Memory
Farrar, Straus & Giroux
New York, 1997
Blind Date
Chax Press
Tucson, 1998
Samuel Johnson is Indignand
Picador
New York, 2002
Varieties of disturbance
Stories
Farrar, Straus and Giroux
New York, 2007
Übersetzerin: Barbara von Bechtolsheim-Leibbrandt
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