Gast des ilb 2001
Bei Dao – wörtlich »Insel im Norden« – wurde 1949 als
Zhao Zhenkai in Peking geboren. Er studierte chinesische Sprach- und
Literaturwissenschaft und war bis 1987 als Herausgeber für verschiedene
chinesische Zeitungen und Literaturzeitschriften tätig. Während des
Pekinger Frühlings (1978-80) rief er zusammen mit dem Lyriker Mang Ke
die literarische Untergrund-zeitschrift »Jintian« (»Heute«) ins Leben,
die er seit ihrer Wiederbegründung 1991 vom Ausland aus betreut. 1984
trat der Dichter in den chinesischen Schriftstellerverband ein.
Obgleich er für seine Kritik an der Einstellung der
Literaturzeitschrift »China« 1986 gemaßregelt wurde, erhielt er noch
1988 den Staatspreis der Volksrepublik China für den besten
Gedichtband.
Im Februar 1989 forderte Bei Dao die Freilassung von Wei Jingsheng in
einem Offenen Brief an Deng Xiaoping, der von 40 führenden
Intellektuellen unterzeichnet wurde und eine breite Kampagne für
Menschenrechte auslöste. Zur Zeit des Massakers auf dem Tiananmen Platz
(4. Juni 1989) hielt sich der Dichter, dessen Verse z.T. als Slogans
bei den Demonstrationen gerufen wurden, als Gast des DAAD in Berlin
auf. Da er in seiner Heimat von Verhaftung bedroht war, lebte er
seither im Exil, wo er Gastdozenturen in England, Dänemark und den USA
übernahm.
Bei Dao gilt als bedeutendster Dichter der so genannten
»obskuren Lyrik«. Im Zentrum seines Schaffens steht das lyrische Werk.
Hier zeichnet sich der Einfluß westlicher und chinesischer Moderne
deutlich ab. Daneben veröffentlichte er auch Kurzgeschichten und
Essays, zuletzt die Sammlung »Midnight's Gate«. Bei Dao widmet sich
schon früh einer kritischen Aufarbeitung der chinesischen Geschichte
nach 1949. Er widerspricht dem mystifizierenden Bild einer
fortschrittlichen Entwicklung, indem er nicht Befreiung, sondern
Flucht, Gefangenschaft und Isolation thematisch in den Mittelpunkt
stellt. Der »anfänglich unbekümmerte Ton«, so sein Übersetzer Wolfgang
Kubin, wird im Laufe der Jahre »zunehmend komplizierter«. Dieser
Eindruck verdankt sich einer verfeinerten Form der Montagetechnik, bei
der sich die Bilder so übereinanderlegen, daß die Dinge scheinbar
beziehungslos, z.T. paradox nebeneinanderstehen. Hermetik und
Dunkelheit sind Schlagworte, die bei der Charakterisierung des
lyrischen Werks Bei Daos häufig fallen. In ihrer Verweigerung einer
eindeutigen Aussagestruktur öffnen sich die Gedichte einer allgemeinen
menschlichen Zustandsbestimmung. Das Verhältnis von Ich und Welt wird
nicht nur in seiner politischen Dimension sprachlich ausgeleuchtet,
wenn es etwa heißt: »Der Welt bin ich/Auf immer ein Fremder/Ich
verstehe ihre Sprache nicht/Sie versteht mein Schweigen nicht.«
Neben anderen Preisen erhielt Bei Dao den »Freedom-to-Write«-Preis des
PEN-Zentrums USA West, den Tucholsky-Preis des Schwedischen P.E.N. und
den Aragana-Lyrikpreis der Internationalen Poesiefestivals in
Casablanca. seit 1996 ist er Ehrenmitglied der American Academy of Arts
and Letters. Zur Zeit lebt er in Davis, Kalifornien. Seine Werke, die
in 25 Sprachen übersetzt sind, waren zeitweise in der Volksrepublik
China nicht genehm, können aber inzwischen wieder erscheinen. Mehrfach
für den Nobelpreis vorgeschlagen, zählt er heute zu den bedeutendsten
chinesischen Gegenwartsautoren. In deutscher Sprache sind zahlreiche
Gedichte und Erzählungen sowie der Roman »Gezeiten« erschienen. Seit
2006 darf Bei Dao auch wieder in China leben und arbeiten.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
The August Sleepwalker
Anvil Press Poetry
London, 1988
Übersetzung: Bonnie S. McDougall
Gezeiten. Ein Roman über Chinas verlorene Generation
Fischer
Frankfurt/Main, 1990
Übersetzung: Irmgard E. A. Wiesel
Notizen vom Sonnenstaat: Gedichte
Hanser
München, 1991
Übersetzung: Wolfgang Kubin
Post bellum
Hanser
München, 1991
Übersetzung: Wolfgang Kubin
A Splintered Mirror
North Point Press
San Francisco, 1991
Übersetzung: Donald Finkel
Old Snow
Anvil Press Poetry
London, 1992
Übersetzung: Bonnie S. McDougall und Chen Maiping
Out of the Howling Storm
Wesleyan University Press
Hanover, NH, 1993
Übersetzung: Tony Barnstone
Forms of Distance
Anvil Press Poetry
London, 1994
Übersetzung: David Hinton
Landscape Over Zero
New Directions Publishing
New York, 1996
Übersetzung: David Hinton and Yanbing Chen
Midnight´s Gate
New Directions Publishing
New York, 2005
Übersetzung: Matthew Fryslie
Übersetzer: Wolfgang Kubin, Irmgard E.A. Wiesel |