Gast beim ilb 2001
Raphaël Confiant wurde 1951 in Lorrain, einem kleinen
Dorf im Norden Martiniques, geboren. Er ging in Fort-de-France zur
Schule und studierte in Aix-en-Provence. Seit 1979 ist er Dozent für
Englisch und Kreolisch auf Martinique. 1982 beteiligte er sich an der
Gründung der unabhängigen Wochenzeitung »Antilla«, die auf den Antillen
und in Französisch-Guayana vertrieben wird.
Als »Chabin«, d.h. als ein Hellhäutiger mit negroiden Zügen,
identifiziert sich Confiant damit, Mischling, Kreole zu sein. Darin
unterscheidet er sich von seinem legendären literarischen Vorfahren,
dem karibischen Autor Aimé Césaire, der sich auf seine afrikanischen
Wurzeln besann. Seine ersten Bücher schrieb Confiant auf kreolisch, in
der Sprache der Plantagenarbeiter, die praktisch nur mündlich
überliefert war. »Auf kreolisch zu schreiben,« so erinnert sich der
Autor, »war, als dringe man in einen unberührten Wald vor. Ich hatte
damals noch nie ein Buch auf kreolisch gelesen oder gar gesehen! Ich
mußte auf die Jagd nach Worten gehen und mir eine Rechtschreibung für
sie ausdenken. Das war aufregend, aber entmutigend, denn kein Verlag
wäre jemals so verrückt gewesen, sein Geld für die Publikation von
Büchern auszugeben, die keiner lesen konnte. Wir waren gezwungen,
unsere Bücher auf eigene Kosten herauszubringen.« Der erfinderische
Umgang mit Sprache, den Confiant sich damals zu eigen machte, prägt
auch seinen französischen Stil. 1988 schrieb er mit »Eau de Café« (dt.
»Insel über dem Winde«, 1996) seinen ersten Roman auf französisch. Die
Zusage eines Pariser Verlegers beflügelte ihn so sehr, daß er innerhalb
von vier Monaten einen weiteren Roman, »Le Nègre et l'Amiral«, schrieb,
der noch vorher publiziert wurde. »Beim Wechsel vom Kreolischen zum
Französischen kam ich mir vor als wäre ich von einer Ente in einen BMW
umgestiegen«, erklärt Confiant seinen Schaffensschub. Dieser ging
soweit, daß der Autor sich dran machte, auch einen seiner kreolischen
Romane, »Marisosé« (1987), selbst ins Französische zu übersetzen. Damit
öffnete er das Werk für weitere Übertragungen. »Mamzell Libellule«, so
der französische Titel von 1994, erschien 1998 auch auf deutsch (»Das
Schmetterlingskostüm«, 1998).
Raphaël Confiant ist mehrfach für sein Werk ausgezeichnet worden. Für
seine Kindheitserinnerungen, »Ravines du devant-jour« (dt. »Das
Flüstern der Zamanas«), die er »allen kleinen ›Chabins‹ der Erde«
widmete, erhielt er 1993 den Prix Casa de las Americas und den Prix Jet
Tours. Für seinen Roman „La Panse du Chacal“ (2004; Ü: Der Bauch des
Schakals) erhielt er 2004 den Prix des Amériques insulaires et de la
Guyane. Als Romancier hat er verschiedene Genres adaptiert; den
Kriminalroman ebenso wie den historischen Roman. Zur letzteren
Kategorie tendiert auch sein Buch »Brin d'amour« (2001; Ü: Der Spross
der Liebe). Die Handlung ist vor etwa 40 Jahren angesiedelt, in der
Zeit, als es noch die großen Zuckerrohrplantagen gab, die später dem
Tourismus weichen mußten. Confiants Rückblick ist nostalgisch, er
versetzt ihn in die Zeit seiner Kindheit zurück. Er ist aber auch
kritisch, denn die Hauptfigur Lysiane flüchtet sich aus der
engstirnigen Gesellschaft, die sie umgibt, indem sie schweigt und liest
— und schreibt.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Commandeur du sucre
Écriture
Paris, 1994
Das Flüstern der Zamanas
Manholt
Bremen, 1995
Übersetzung: Volker Rauch
Insel über dem Winde
Krüger
Frankfurt/Main, 1996
Übersetzung: Uta Goridis
La vierge du Grand Retour
Grasset
Paris, 1996
Das Schmetterlingskostüm
Manholt
Bremen, 1998
Übersetzung: Volker Rauch
Chimères d’en-ville
Librio
Paris, 1998
La lessive du diable
Écriture
Paris, 2000
Le cahier de romances
Gallimard
Paris, 2000
Mord am Karsamstag
Scherz
München, 2001
Übersetzung: Uta Goridis
Brin d´amour
Mercure de France
Paris, 2001
L´archet de colonel
Mercure de France
Paris, 2001
Morne-Pichevin
Bibliophane
Paris, 2002
Nuée ardente
Mercure de France
Paris, 2002
La dissidence
Écriture
Paris, 2002
Le barbare enchanté
Écriture
Paris, 2003
La panse du chacal
Mercure de France
Paris, 2004
Adèle et la pacotilleuse
Mercure de France
Paris, 2005
Übersetzer: Uta Goridis, Volker Rauch
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