Gast beim ilb 2002
Salah Stétié wurde 1929 in Beirut, Libanon, geboren.
Bereits in jungen Jahren wurde er von seinem Vater, der selbst Gedichte
schrieb, an den spielerischen Umgang mit Sprache herangeführt. Die
Ursprünge seines dichterischen Schaffens lassen sich in seiner
Geburtsstadt, der Kreuzung zwischen arabischer und europäischer
Zivilisation, wiederfinden. Sein Bedürfnis nach gegenseitiger
Inspiration beider Kulturen veranlaßte ihn dazu, auf Französisch zu
schreiben, obwohl Arabisch seine Muttersprache war. Er setzte sich
dadurch dem Druck der islamischen „Integristen“ aus, die besonders in
den Jahren zwischen 1950 - 1960 ein Wiederaufleben der arabischen
Kultur forderten und für die das Aufgeben der eigenen Sprache mit dem
Verlust der Identität gleichzusetzen war. Dessen unbeirrt studierte
Stétié sowohl in Beirut wie in Paris Literatur und Jura. In den
sechziger Jahren gründete er „l’orient littéraire", eine in Beirut in
französischer Sprache erscheinende Kulturzeitschrift. Die hierbei
aufgenommene Vermittlerrolle zwischen beiden Kulturen zieht sich durch
sein gesamtes Leben. So war er neben seiner Tätigkeit als Diplomat in
Paris, Botschafter in Marokko und den Niederlanden auch Generalsekretär
des Außenministeriums in Libanon und nicht zuletzt Delegierter der
UNESCO. In seinem 1972 erschienenen Essay „Les Porteurs de feu“, für
den er den „Prix de l’amitié franco-arabe“, den Preis der
französisch-arabischen Freundschaft erhielt, widmet sich Stétié den
spirituellen Wurzeln der arabischen Welt und fragt nach ihrer möglichen
Zukunft. 1994 veröffentlichte er „Liban plurielle“, in dem er das
Spezifische und zugleich das in der Vielfalt Unbestimmte der
libanesischen Kultur beschreibt. Doch nicht nur inhaltlich läßt sich
die arabische Kultur in Stétiés Werken wiederfinden. Salah Stétié ist
der erste Dichter arabischer Herkunft, der seine Texte in französischer
Sprache veröffentlichte. Im Prozess des Schreibens entsteht eine neue
Sprache: das „Françarabe“, bei der die Gliederung und viele
etymologische Wurzeln dem Arabischen entliehen sind, die Wörter jedoch
aus dem Französischen stammen. Die Musikalität seiner Gedichte läßt
sich auf die Tradition arabischer Gedichte zurückführen, die mit ihrer
ausgeprägten Rhythmik ein hohes Maß an Kantabilität erreichen. Nicht
verwunderlich also, daß die Reflektion über Sprache in seinem Werk
einen bedeutenden Stellenwert findet. Sein 2001 erschienener Text „Le
Français, l’autre langue“ ist eine Hommage auf die französische
Sprache. Der Essay ist jedoch weit mehr als eine pure Frankophilie, da
Stétié „eine“ Sprache nicht als Singularität versteht, sondern vielmehr
die Sprache im französischen Gebrauch an sich meint. 1995 wurde der
Lyriker mit dem „Grand Prix de la Francophonie“ von der „Académie
française“ für sein Gesamtwerk gewürdigt. Dieses zählt an die fünfzig
Werke, die in fünfzehn Sprachen übersetzt wurden. Stétié lebt heute in
Frankreich, wo er als Dichter, Essayist und Kunstkritiker arbeitet.
© internationales literaturfestival berlin
Salah Stétié online: www.salahstetie.com
BIBLIOGRAFIE:
Les porteurs de feu
Gallimard
Paris, 1972
Fragments
Gallimard
Paris, 1978
André Pierre de Mandiargues
Seghers
Paris, 1978
Inversion de l’arbre et du silence
Gallimard
Paris, 1980
L'être poupeìe
Gallimard
Paris, 1983
Archer aveugle
Fata Morgana
St Clément, 1985
L’autre côté brûlé du très pur
Gallimard
Paris, 1992
L’interdit
José Corti
Paris, 1993
Rimbaud, le huítième dormant
Fata Morgana
Paris, 1993
L'eau froide gardée
Gallimard
Paris, 1994
L’ouvraison
José Corti
Paris, 1995
La calame
Fata Morgana
St Clément, 1996
L'enfant de cendre
Fata Morgana
Montpellier, 1996
Hermès défenestré
José Corti
Paris, 1997
Fièvre et guérison de l’Icône
Imprimerie nationale
Paris, 1998
Mallarmé sauf azur
Fata Morgana
Montpellier, 1999
Le Français, l’autre langue
Imprimerie Nationale
Paris, 2001
Pluie sur la Palestine
Al Manar
Neuilly, 2002
Le vin mystique et autres lieux spirituels de l’Islam
Albin Michel
Paris, 2002
Fiançailles de la fraîcheur
Imprimerie nationale
Paris, 2003
Carnets du méditant
Albin Michel
Paris, 2003
Brise et attestation du réel
Fata Morgana
Montpellier, 2004
Fils de la parole
Albin Michel
Paris, 2004
Kyoto
Imprimerie nationale
Paris, 2005
Liban
Imprimerie nationale
Paris, 2006
Arthur Rimbaud
Fata Morgana
Sainz-Clément-de-Rivière, 2006
Übersetzer: Curt Mayer-Clason, Stefan Weidner |