Gast des ilb 2002
Ulrich Peltzer
wurde 1956 in Krefeld geboren, kam mit 18 Jahren nach Berlin, wo er
Philosophie und Psychologie studierte. 1987 veröffentlichte er seinen
Debütroman „Die Sünden der Faulheit“. Sein seitdem auf vier Romane und
eine Erzählung angewachsenes Werk wurde u.a. mit dem Berliner
Literaturpreis (1996), dem Anna-Seghers-Preis (1997), dem Preis der
SWR-Bestenliste (2000) und dem Bremer Literaturpreis (2003)
ausgezeichnet. Ulrich Peltzer lebt in Berlin. Realistisch, doch ohne
naturalistische Prätentionen versucht Ulrich Peltzer der modernen,
westlichen Großstadt auf den Grund zu gehen. Bereits „Die Sünden der
Faulheit“, ein in Berlin angesiedelter Kriminalroman, versteht sich als
kritische Gesellschaftsanalyse, ohne jedoch das sichere Format
einfacher Parteinahme zu wählen. Sein viel beachteter, umfangreicher
Roman „Stefan Martinez“ von 1995 ist ein sprühendes Feuerwerk von
Berlin-Impressionen, die ein äußerst ambivalentes Bild der Stadt im
Umbruch ergeben. Der Leser stürzt mit der Handlung durch ein
„geometrisches Muster der Straßen. Abzählbar unendlich viele
Möglichkeiten, um zur U-Bahn zurückzugelangen.“ Verloren geht im
Labyrinth der Straßen und Möglichkeiten das Ziel und die Suche selbst:
„Stefan Martinez“ ist ein Roman, der vom Verschwinden des Subjekts
handelt. Weniger voluminös, aber ebenso eindringlich erzählt auch „Alle
oder keiner“ (1999) vom Verschwinden des Einzelnen im Nirgendwo der
Geschichte. Das Buch thematisiert die Generation der „78er“, die
Zwischengeneration, die zu jung für 68 und zu alt für Punk ist. So wird
das Leben von Bernhard skizziert, der als Wissenschaftler an einem
neuen Handbuch für forensische Psychologie arbeitet. Auch er schweift,
wie der Held in „Stefan Martinez“, durch das nächtliche Berlin, aber
die Hauptstadt ist nicht mehr die pulsierende Herausforderung, sondern
auch Rückzugspunkt für eine Ankunft in der Realität. Erst die Frage
„Wie ging die Geschichte?“ einer schrillen, jungen
TechnoPunk-Konzertbesucherin setzt Erinnerungen an vergangene
Hoffnungen und Illusionen frei. Bernhard stellt sich seiner
revoltierenden Vergangenheit, in der er glaubte, eine Sprache für die
Beschreibung der Welt gefunden zu haben. Er versucht, den Verlust
dieser Sprache zu rekonstruieren und einen Weg zu finden, ohne sie zu
leben. „Bryant Park“ (2002), Peltzers erste Erzählung, handelt von den
(Un-)Möglichkeiten solcher literarischer Geschichtsaufarbeitung. Der
Erzähler kommt nach New York, um in der Public Library die Biografie
eines amerikanischen Autors in Tauf- und Pfarreiregistern des frühen
19. Jahrhunderts zu erforschen. Der Brüchigkeit moderner Identitäten
verleiht Peltzer seinen eigenen, assoziativ-sprunghaften Stil. Der
Leser blickt in ein mit Reizen überfluteten Bewusstsein – bis der 11.
September in die Szenerie einbricht. Auch wenn das Attentat auf die
Twin Towers mit nur einem Satz erwähnt wird, verändert es die gesamte
Erzählung: Die Realgeschichte des Attentats geht in keiner geordneten
Struktur mehr auf, die Literatur kann auf die Herausforderungen der
medial inszenierten Realität nur noch protokollierend reagieren.
„Teil der Lösung“ (2007), Peltzers letzer Roman,
spielt wieder in Berlin. Die Figuren bewegen sich vor dem Hintergrund
einer immer vollständigeren staatlichen Überwachung zwischen
Arriviertheit und Protest, Terrorismus und postmodernen Theorien. Die
Feuilletons berichteten einhellig mit Begeisterung.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Die Sünden der Faulheit
Ammann
Zürich, 1987
Stefan Martinez
Ammann
Zürich, 1995
Alle oder keiner
Ammann
Zürich, 1999
Bryant Park
Ammann
Zürich, 2002
Teil der Lösung
Ammann
Zürich, 2007 |