Gast des ilb 2002
Jamal Mahjoub wurde 1960 in London geboren. Die Familie wohnte einige Jahre in Liverpool, bevor sie in den Sudan übersiedelte, die Heimat des Vaters. Dort verbrachte Mahjoub seine Schulzeit am Comboni College, das von italienischen Priestern geleitet wird. Später erhielt er ein Stipendium für das Atlantic College in Wales und studierte danach in Sheffield Geologie. Schon während seines Studiums veröffentlichte er literarische Texte in Zeitschriften. Nach und nach kamen publizistische Arbeiten und Übersetzungen hinzu. Heute lebt Mahjoub im dänischen Aarhus. Nach vielen Ortswechseln ist ihm der Norden Europas zum Lebensmittelpunkt geworden. Doch in seinen Büchern sind die afrikanischen Wurzeln stets gegenwärtig. In Jamal Mahjoubs Welt verschmelzen die Sprachen und die Zeiten. Dort treffen sich Literatur und Geschichte, Wissenschaft und Aberglaube, dort werden zugleich die Bedingungen diskutiert, unter denen Menschen verschiedener Kulturen mit- oder bloß nebeneinander leben. Seine ersten drei Romane haben alle auf mehr oder weniger deutliche Weise mit dem Sudan und seiner Vergangenheit zu tun, mit jener Generation der im Norden des Landes beheimateten Nubier etwa, die für mehr Ausgeglichenheit zwischen den Ethnien kämpft, eine Generation, zu der auch Mahjoubs Vater gehört. „Wings of Dust“ aus dem Jahr 1994 skizziert das Leben eines sudanesischen Exilanten, der die Jahre der Unabhängigkeit einer genauen Analyse unterzieht. Der letzte dieser Romane „In the Hour of Signs“ erzählt von der britischen Eroberung des Sudans Ende des 19. Jahrhunderts. Das Buch verwandelt die beiden eigentlichen Größen des Konflikts, den islamischen Führer Mohammed Ahmed, genannt Mahdi, und den englischen General Gordon in symbolische Figuren, die nur kurz in Erscheinung treten. Die Hauptpersonen indes sind Bauern, Hirten oder einfache Soldaten. Jamal Mahjoubs historischer Roman „The Carrier“ aus dem Jahr 1998 (dt. „Der Sternenseher“, 1999) beschäftigt sich mit einem der Schlüsselmomente des europäischen Denkens: der Entwicklung des Teleskops und entsprechender astronomischer Berechnungsmethoden, die im 17. Jahrhundert den Weg zum heliozentrischen Weltbild und zur Trennung von Wissenschaft und Religion ebneten. „Mich faszinierte die Frage, warum eine solch bedeutende Veränderung des Denkens, wie sie in Europa die Renaissance markierte, nicht in der islamischen Welt in Erscheinung getreten ist“, hat Mahjoub seine Motivation umschrieben. Der junge Gelehrte Raschid al-Kenzy, Sohn einer nubischen Sklavin und fälschlich des Mordes beschuldigt, wird vom Dei der Stadt Algier unter der Bedingung begnadigt, dass er ihm jenes optische Gerät heranschaffe, von dessen Fähigkeiten man sich die wundersamsten Geschichten erzählt - und so macht sich Raschid auf eine lange Reise. Einen Roman über Vorurteile und wissenschaftliche Neugier hat Jamal Mahjoub mit dem „Sternenseher“ geschrieben, ein locker geknüpftes Buch, das vom Auseinanderdriften der Kulturen erzählt und von der Archäologie der Erkenntnisse. 2006 veröffentlichte Majoub „The Drift Latitudes“ (dt. „Die Beweglichkeit der Breitengrade“, 2007) und „Nubian Indigo“. Der Autor erhielt u.a. den Guardian/ Heinemann African Short Story Prize. Sein Roman „Trevelling with Djinns” (2003; Ü: Auf Reisen mit Djinns) wurde 2004 mit dem Prix d´Astrobale ausgezeichnet. Sein Roman „The Drift Latitudes” (2006) ist im Frühjahr 2007 in deutscher Übersetzung erschienen (dt. „Die Beweglichkeit der Breitengrade“).
Jamal Mahjoub lebt als Übersetzer, Publizist und Autor in Aarhus/Dänemark.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Navigation of a Rainmaker
Heinemann
London, 1994
Wings of Dust
Heinemann
London, 1994
In the Hour of the Signs
Heinemann
London, 1996
Der Sternenseher
Goldmann
München, 2000
Übersetzung: Barbara Jung, Sabine Saßmann
Travelling with Djinns
Chatto & Windus
London, 2003
Nubian Indigo
Actes Sud
Paris, 2006
Die Beweglichkeit der Breitengrade
Atrium
Zürich, 2007
Übersetzung: Monika Schmalz
Übersetzer: Jürgen Brôcan, Barbara Jung, Sabine Saßmann |