Gast beim ilb 2002
Peter Kurzeck wurde 1943 in Böhmen geboren und wuchs
als Flüchtlingskind in einem Dorf bei Gießen auf. Schon früh begann er
mit dem Schreiben, publizierte Texte in Lokalzeitungen und
Zeitschriften. Seine Lehre in einem Krämerladen unterbrach er immer
wieder für Reisen nach Wien, Paris oder Triest. Mit 28 Jahren wurde er
Personalchef einer großen Behörde der US-Army. Um als freier
Schriftsteller leben zu können, beendete er diese Tätigkeit und zog
1977 nach Frankfurt am Main. Für seine Romane und Erzählungen hat er
zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen erhalten, u.a. 1991 den
„Alfred-Döblin-Preis“, 1999 den „Großen Literaturpreis der Bayerischen
Akademie der Schönen Künste“ und
2004 den Preis der Literaturhäuser. 2001 war Peter Kurzeck
Stadtschreiber von Bergen-Enkheim. „Sehr früh erlag ich dem Zwang, dass
ich nichts vergessen darf“, hat Peter Kurzeck seine Poetik einmal
umschrieben, „weil alles, woran man sich nicht erinnert, verloren sein
kann für immer. Wenn wir den gestrigen Tag nicht mehr wissen, ist der
gestrige Tag nicht gewesen, Böhmen nicht und wir auch nicht.“ Dabei
hält er sich von Buch zu Buch weniger an den unmittelbaren Augenblick,
greift vielmehr auf jenen Erinnerungsstoff zurück, der schon einige
Jahre, manchmal Jahrzehnte, alt ist: die Zeit auf dem Dorf, die vielen
Reisen, die Wassertropfen des Mains oder „Frankfurt in meinen Büchern
und Frankfurt in meinem Leben“. Das Momenthafte freilich blendet er
nicht aus, sondern lässt es in die literarische Vorstellung eingehen.
Peter Kurzecks erster Roman „Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du
dein Brot kaufst“ (1979) ist von einem Gefühl der Heimatlosigkeit
geprägt, von Ausbrüchen, Fluchten und Wiederholungen. In der „ewigen
Zeit Gegenwart“ verschränken sich Geschichten aus zwanzig Jahren. In
„Kein Frühling“ (1987) versucht der Autor, die Nachkriegszeit in dem
Dorf Staufenberg in Oberhessen zu erzählen, wo Kurzeck aufgewachsen
ist. Es ist ein Dialog mit dem fiktiven Schatten des Erzählers. Diesem
werden Erinnerungen und Lebensumstände aus dem Dorf erzählt, die in ein
trübes Licht getaucht sind. Es nieselt, und Dreckklumpen kleben an den
Schuhen. Die Hoffnungen schmelzen wie Schnee im Regen, aber der
Frühling, der neue Hoffnung spenden könnte, will nicht kommen. Auch
hier heißt Erzählen Festhalten der Zeit, Einfrieren von alltäglichen
Geschehnissen. Es gibt keine dramatischen Liebesbeziehungen oder
spannenden Kriminalfälle in Kurzecks Universum, nur die ausgemessene
Ewigkeit, oder das, was man dafür hält. Auch „Keiner stirbt“ (1990)
spielt in den fünfziger Jahren. Erzählt wird die Geschichte von Crohn,
einem gestrandeten Geschäftsmann und seinen vier Mitfahrern auf dem Weg
von Gießen in die leuchtende Großstadt Frankfurt am Main und zurück. Am
Ende ist auch hier klar: „Unsterblichkeit ist Leben in einem
Gedächtnis, das selber stirbt - man lebt von einem Vergessenden zum
andern.“ In „Übers Eis“ (1997), dem ersten Teil einer
Romantrilogie, wird erstmals die Textur von einem ‚Ich‘
zusammengehalten. In einer Art Selbstverhör, das mit knappen, manchmal
angehakt wirkenden Sätzen arbeitet, beschreibt der Erzähler, wie er
sich von seiner Familie trennt. "Als Gast" (2003) und "Ein Kirschkern
im März" (2004) vervollständigen diese autobiographisch-poetische
Chronik des Jahres 1984. "Oktober und wer wir selbst sind“ (2007) ist
seine jüngste Romanveröffentlichung. Peter Kurzeck lebt in Frankfurt am
Main und im südfranzösischen Uzès.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Kein Frühling
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 1987
Kommt kein Zirkus ins Dorf
Focus
Gießen, 1987
Keiner stirbt
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 1990
Mein Bahnhofsviertel
Stroemfeld
Basel, 1991
Vor den Abendnachrichten
Wunderhorn
Heidelberg, 1996
Übers Eis
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 1997
Der Nussbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 1997
Das schwarze Buch
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 2001
Als Gast
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 2003
Ein Kirschkern im März
Stroemfeld
Frankfurt/Main, 2004
Oktober und wer wir selbst sind
Stoemfeld
Frankfurt/Main, 2007
|