Gast beim ilb 2002
Als den „großen Lichtausmacher am Ende des Jahrtausends“ bezeichnete
ihn die „Süddeutsche Zeitung“, nach der Veröffentlichung seines Romans
„Krieg und Krieg“ (1999). Wieder einmal hatte László Krasznahorkai
mit seinem Roman ein Szenarium entworfen, das so melancholisch wie
kritisch ist, dessen subjektive Grundstimmung Hand in Hand geht mit der
Tristesse einer Gesellschaft, die wie die heutige, vielleicht auch wie
immer schon, keine Träumer auf dem Weg in den Abgrund vom Gegenteil
ihres Pessimismus überzeugen kann. 1954 im ungarischen Gyula geboren,
erfindet Krasznahorkai in seinen Romanen eine Welt, in der die
klassischen Helden ausgespielt haben. Es ist die Stimmung, die
Atmosphäre, die die Rolle der Protagonisten übernimmt. Letztere stehen
im Seitenlicht ihrer zum Scheitern verurteilten Handlungen, ähnlich
statisch wie Marionetten, deren Schnüre irgendwo im Dunkeln
zusammenlaufen. Es sind tiefgründige Einzelgänger und nie zum
Stillstand kommende Reißausnehmer. Kafka scheint nicht nur für jenen
Menschentypus Pate gestanden zu haben, sondern auch für die
stilistische Konsequenz und alptraumhafte Geschlossenheit dieser
Romane. Spätestens mit „Melancholie des Widerstandes“ (1989) hat sich
Krasznahorkai international einen Namen gemacht. Auch hier entwirft er
eine Verstrickung aus einer scherenschnittartigen Personage,
Stillleben, Atmosphären und einer, wie in geschickter Kameraführung
eingefangenen Präsenz von Macht, kurz: eine skurrile Welt, in der
falsche Propheten ihre Opfer an der Nase herumführen. Ein abgelegenes
ungarisches Städtchen dämmert unter einer Dunstglocke von Vermutungen
und Gerüchten, von ungreifbarer Bedrohung, sinnloser Aggression und
Heilserwartung dem Chaos entgegen. Ein Zirkus besucht die Stadt. Die
Hauptattraktion, ein Walfisch, erweist sich jedoch als Pendant zum
trojanischen Pferd, aus dessen Inneren ein mißgestalteter Zwerg die
Zerstörung des Dorfes befiehlt. Dabei lässt sich der ganze Roman auch
wie eine Parabel lesen, die konkret auf die Stimmung der Vor- und
Nachwendezeit der späten achtziger Jahre anspielt, auf die Ruhe vor dem
Sturm, die Umbrüche und Enttäuschungen in Osteuropa. So erscheint
„Krieg im Krieg“ wie eine Antwort auf die neu angebrochene Zeit. An der
Schwelle zum neuen Jahrtausend unternimmt der Oberarchivaranwärter
Korin eine Reise von seiner Provinzstadt nach New York, um dort, im
Zentrum „des Lebens“, zu sterben. Dabei streift er in einer Vielzahl
von Stationen die Vergangenheit des Abendlandes, von Kreta und Rom, bis
zu den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen. Überall findet er neue
Strophen für seinen Abgesang und nur der Gedanke an ein in den Mantel
eingenähtes Manuskript, das er bei sich trägt, lässt ihn hoffen, dass
seine Reise einen Sinn hat. Zusammen mit dem Kultregisseur Bela Tarr
brachte Krasznahorkai seinen Debütroman „Satanstango“ von 1985 in
siebeneinhalbstündiger Schwarz-Weiß-Fassung auf die Leinwand (1994).
„Melancholie des Widerstandes“ wurde im Jahr 2000 unter dem Titel
„Werckmeister Harmonies“ verfilmt. Laszlo Krasznahorkai, der auch für
seine Kurzgeschichten und Essays bekannt ist, erhielt für sein
literarisches Schaffen zahlreiche Preise, darunter den Preis des SWR
für „Der Gefangene von Urga“ und 2004 den Kossuth-Preis – die höchste
an Künstler zu vergebene Auszeichnung Ungarns. Seit den 1980er Jahren
hielt sich Krasznahorkai oft im Ausland auf. So bereiste er u.a.
Deutschland, Finnland, die Schweiz, Italien, Bosnien, die Mongolei,
China, Frankreich und Spanien; 2005 wurde er zum wiederholten Male von
der Japan Foundation nach Kyoto eingeladen sowie von der Brown
University, Rhode Island, in die USA. Krasznahorkai ist Mitglied der
Digital Literary Academy und lebt als freier Schriftsteller in
Pilisszentlaszlo, in der Nähe von Budapest.
© internationales literaturfestival berlin
Lázló Krasznahorkai online: www.krasznahorkai.hu
BIBLIOGRAFIE:
Gnadenverhältnisse
Literarisches Colloquium
Berlin, 1988
Übersetzung: Hans Skirecki, Juliane Brandt
Satanstango
Rowohlt
Reinbek, 1990
Übersetzung: Hans Skirecki
Melancholie des Widerstandes
Ammann
Zürich, 1992
Übersetzung: Hans Skirecki
Der Gefangene von Urga
Ammann
Zürich, 1993
Übersetzung: Hans Skirecki
Krieg und Krieg
Ammann
Zürich, 1999
Übersetzung: Hans Skirecki
Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß
Ammann
Zürich, 2005
Übersetzung: Christina Viragh
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