Gast beim ilb 2001, 2002, 2006
Dževad Karahasan wurde 1953 in
Duvno, Jugoslawien (heute Republik Bosnien-Herzegowina), geboren. Er
studierte Theaterwissenschaft und Vergleichende Literaturwissenschaften
in Sarajevo und promovierte in Zagreb mit einer Arbeit über den
kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža. Anschließend arbeitete
Karahasan als Dramaturg am Volkstheater Zenica, dann als Redakteur der
Literatur- und Kunstzeitschrift »Odjek« in Sarajevo und als
Chefredakteur der Literaturzeitschrift »Izraz«. Ab 1986 lehrte er
Dramaturgie und Dramengeschichte an der Akademie für szenische Künste
der Universität Sarajevo. 1993 verließ er die umkämpfte Stadt und
arbeitete als Gastdozent an der Universität Salzburg. Später war er als
Lektor in Göttingen tätig.
Ein Stipendium des DAAD führte Karahasan 1995 nach Berlin, und zwei
Jahre später wurde er Stadtschreiber von Graz. Von 1998 bis 2000
betreute er als Dramaturg und Übersetzer drei Inszenierungen der Dramen
Georg Büchners am Nationaltheater in Sarajevo. Der bosnische
Schriftsteller, der immer für die Beibehaltung des Vielvölkerstaates
plädierte, schreibt regelmäßig Beiträge für europäischen Zeitschriften
wie »Lettre International«, »Kursbuch«, »MicroMega« und »Les Temps
Modernes«. 1999 wurde er dafür mit dem Herder-Preis ausgezeichnet.
1980 veröffentlichte Karahasan seinen ersten Band mit Erzählungen,
»Kraljevske legende« (dt. »Königslegenden«, 1996). Neben
Theaterstücken, Essays und Hörspielen erschienen 1989 zwei Romane:
»Stidna žitija« (Ü: Ein keusches Heiligenleben) und »Istočni diwan«
(dt. »Der östliche Diwan«, 1993), eine Kriminalgeschichte im Kontext
mittelalterlicher islamischer Philosophie. Für »Dnevnik selidbe« (1993;
dt. »Tagebuch der Aussiedlung«, 1993), eine Beschreibung des
Kriegsalltags in Sarajevo, erhielt Karahasan 1994 den europäischen
Essaypreis »Charles Veillon«.
Auch die Haupthandlung der Romane »Šahrijarov prsten« (1994; dt.
»Schahrijârs Ring«, 1997) und »Sara i Serafina» (1999; dt. »Sara und
Serafina«, 2000) spielt in der belagerten Stadt Sarajevo. Mit seinem
vielfach verschachtelten Erzählverfahren, elliptischen Erzählschleifen
und essayistischen Einschüben erzeugt der Autor eine spezifische
Spannung. »Schahrijârs Ring« enthält drei ineinander gefügte
Erzählungen, die den Leser schrittweise in eine entfernte,
orientalische Vergangenheit führen. Dieses Verfahren erlaubt dem Autor,
aktuelle Geschichtserfahrung mit historischer Recherche, psychologische
Erzählkunst mit Motiven aus Tausendundeiner Nacht und rationalistische
Philosophie mit islamischer Mystik zu verknüpfen. Weniger romanesk
liest sich »Sara und Serafina«, eigentlich eine Novelle, deren
Geschehen in der erzählten Zeit nur etwa dreißig Minuten umfasst. Doch
der Ich-Erzähler holt weit aus, um die Vergangenheit
heraufzubeschwören, um Handlungen und Verhaltensweisen zu beschreiben
und Gespräche wiederzugeben, die auf diese schicksalhafte halbe Stunde
seines Lebens zugeführt haben.
Für den Essayband »Knjiga vrtova« (2002; dt. »Das Buch der Gärten«,
2002) erhielt Karahasan 2004 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen
Verständigung. Sein neuester Roman »Noćno vijeće« (2005; dt. »Der
nächtliche Rat«, 2006) wurde mit einhelliger Zustimmung bedacht. Er
thematisiert poetisch, eindrücklich und spannend die Vorgeschichte des
serbischen Kriegs gegen die Bosnier am Anfang der neunziger Jahre.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Stidna žitija
Bratstvo-Jedinstvo
Novi Sad, 1989
Tagebuch der Aussiedlung
Wieser
Klagenfurt, 1994
[T: Klaus Detlev Olof]
Der östliche Diwan
Wieser
Klagenfurt, 1994
[T: Karin Becker]
Schahrijârs Ring
Rowohlt
Berlin, 1997
[T: Klaus Detlev Olof]
Sara und Serafina
Rowohlt
Berlin, 2000
[T: Barbara Antkowiak]
Das Buch der Gärten
Insel
Frankfurt/Main, 2002
[T: Katharina Wolf-Griesshaber]
Der nächtliche Rat
Insel
Frankfurt/Main, 2006
[T: Katharina Wolf-Griesshaber]
|