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Autor
© Doris Poklekowski

Drago Jancar  

Slowenien 

Gast beim ilb 2002

Der 1948 im slowenischen Maribor geborene Autor Drago Jancar hat ein umfangreiches Werk aus Kurzprosa, Romanen, Theaterstücken und Essays vorgelegt. Aber nicht allein deshalb wird der auch im europäischen Ausland und in den USA präsente Schriftsteller gern als eine der wichtigsten literarischen Stimmen seines Heimatlandes bezeichnet. Die internationale Bedeutung Jancars beruht vielmehr darauf, dass er sich von Anfang an als explizit gesellschafts- und zeitkritischer Autor in einer eigenen Sprache auszudrücken verstanden hat. 1974 wurde er wegen Propagandavorwürfen inhaftiert, und auch nach den politischen Veränderungen im ehemaligen Jugoslawien ist Jancar ein streitbarer Kopf geblieben. Nicht nur sein 1996 erschienener Essay „Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt. Gerechtigkeit für Sarajevo“ ist kontrovers diskutiert worden. Jancar schildert darin Eindrücke aus „Tausendundeiner Nacht der Belagerung“ und tritt als entschiedener Gegner jeglicher Form von Totalitarismus auf. Dieser auch gegen Peter Handkes „Winterliche Reise“ gerichtete Kriegs- und Zustandsbericht zeigt Jancar darüber hinaus als schonungslosen Chronisten, der in Sarajevo „das schwarze Loch des Kontinents“ zu erblicken meint. Auch wenn sein Schreiben immer wieder vom Balkan vor und nach den Bürgerkriegen ausgeht, ist seine Prosa darauf nicht reduzierbar. In „Luzifers Lächeln“ (1996) begleitet der sanft ironische Erzähler den slowenischen Assistenzprofessor Gregor Gadnik bei einem Stipendienaufenthalt in die USA. Gadnik nähert sich langsam der fremden Kultur und versinkt dennoch am Ende in der Isolation des kulturellen Außenseiters. In genauen Bildern und mit großer Dichte beschreibt Jancar die fehlgeschlagene Integration Gadniks. Ein Bild, das nach Jancar auch auf die weltpolitische Situation übertragen werden kann: Die Geschichte hat den Ost-West-Konflikt hinter sich gelassen, aber vergessen, die Menschen mitzunehmen. „Luzifers Lächeln“ ist als geschichtsphilosophische Parabel lesbar. Den am Rande der Geschichte ‚vergessenen‘, übergangenen Menschen begegnet der Leser wiederholt in Jancars Texten. Nicht zuletzt seine Dramen, „Hallstadt“ (1998) zum Beispiel, beziehen aus dieser Thematik ihr Konfliktpotential. Der 1999 erschienene Roman „Rauschen im Kopf“ zeigt einen Menschen, der vom Gang des Weltgeschehens regelrecht zerfurcht wird. Es ist der Lebensbericht eines Mannes, der „Abenteuerreisen“ zu verschiedenen Kriegsschauplätzen unternimmt, dessen Weg von Vietnam bis in die Dominikanische Republik führt. Am Ende offenbart sich, wie schnell Aufbruch und Revolte wieder in Lethargie umschlagen können. Diese Thematik greift Jancar z.B. auch in der Essaysammlung „Brioni“ (2002) oder in dem Band „Luzias Augen“ (2005) auf. Hier werden in zehn Erzählungen die individuell unterschiedlichen Sichtweisen der jeweiligen Protagonisten dargestellt. Drago Jancar, der 1987 bis 1991 Vorsitzender des slowenischen P.E.N.-Clubs war, ist mit mehreren Preisen geehrt worden, darunter auch mit dem wichtigsten Literaturpreis Sloweniens, dem „France-Preùeren-Preis“, und dem Jean-Améry-Preis (2007). Er lebt in Ljubljana.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE: 

Nordlicht

Wieser

Klagenfurt, 1990

Übersetzung: Peter Wieser

 

Der Galeot

Wieser

Klagenfurt, Salzburg, 1991

Übersetzung: Klaus Detlev Olof

 

Im Disput

Wieser

Klagenfurt, 1992

Übersetzung: Adam Michnik

 

Der Sprung von der Liburnia

Wieser

Klagenfurt, Celovec, 1993

Übersetzung: Klaus Detlev Olof

 

Luzifers Lächeln

Wieser

Klagenfurt, Celovec, 1996

Übersetzung: Klaus Detlev Olof

 

Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt. Gerechtigkeit für Sarajevo

Wieser

Klagenfurt, Celovec, 1996

Übersetzung: Klaus Detlev Olof

 

Hallstadt

Thanhäuser

Ottensheim, 1998

Übersetzung: Nina Blažon

 

Rauschen im Kopf

Paul Zsolnay

Wien, 1999

Übersetzung: Klaus Detlev Olof

Brioni und andere Essays
Folio
Bozen/Wien, 2002
Übersetzung: Klaus Detlev Olof

Die Erscheinung von Rovenska
Folio
Bozen/Wien, 2001
Übersetzung: Klaus Detlev Olof

Luzias Augen
Folio
Bozen/Wien, 2005
Übersetzung: Klaus Detlev Olof, Daniela Kocmut

Übersetzer: Nina Blazon, Fabjan Hafner, Daniela Kocmut, Klaus Detlef Olof, Astrid Philippsen, Peter Wieser

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