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Autor
© Algimantas Ziziunas

† Ricardas Gavelis 

Litauen

Gast des ilb 2002

„Wilna kann man nicht entfliehen”. Dieser Kernsatz aus dem bekanntesten Roman von Ricardas Gavelis, dem 1989 erschienenen und kontrovers diskutierten „Vilniaus pokeris“ (Poker in Vilnius), könnte als Motto über dem bisherigen literarischen Schaffen des litauischen Prosaschriftstellers, Dramatikers und Publizisten stehen. 1950 in Wilna geboren und bis heute dort beheimatet, studierte Gavelis zunächst Physik, wurde Redakteur bei der Zeitschrift „Wissenschaft und Leben“ bis er freischaffend Erzählungen, Romane, Theaterstücke und Kinoszenarien verfasste. Seit seinem ersten Band mit Kurzprosa „Ein Fest, das nicht begonnen hat“ von 1976 legte er vier Sammelbände mit Erzählungen und sechs Romane vor. Zudem war er als Journalist für die Zeitschrift „Respublika“ tätig. Die Hauptstadt Litauens erscheint in den neueren Werken von Gavelis immer wieder als Sinnbild eines von dunklen mafiösen Mächten kontrollierten Daseins, aus dem es für die ohnmächtigen Helden der Geschichten kein Entrinnen gibt: “Dämonische, zerstörerische Kräfte halten sie gefangen. Wilna ist stärker als sie, und es ist überall”. Die Probleme der in eine verarmte Mehrheit und eine kleine Oberschicht korrupter Neureicher zerrissenen litauischen Gesellschaft schildert Gavelis in einer Mischung aus drastischem Realismus und surrealen Handlungsbögen. Seine Prosa erzählt von Menschen, denen jegliche geistige, emotionale und finanzielle Lebensgrundlage entzogen wird, wie z.B. dem begabten Literaturlehrer Aurelius in der Geschichte “Ein Wilnaer Arhat”. Seine Fähigkeiten finden in der neuen, von geldgierigen Jungmillionären regierten Gesellschaft keine Verwendung mehr, was ihn an den Rand der Selbstliquidierung treibt: „Bist du dir selbst vollkommen gleichgültig geworden, heißt das, es gibt dich nicht mehr”. „Taikos Balandis“ („Friedenstaube. Sieben Wilnaer Geschichten“, 2001), der Titel des zuletzt ins Deutsche übersetzten Bandes von Gavelis, aus dem vorstehende Erzählung stammt, kann daher – wie der Autor selbst im Vorwort mitteilt – nur „traurig-sarkastisch” gemeint sein. Denn es gibt „keine Eintracht unter Wilnas Fliederbäumen". Da verwandelt sich eine metaphysische Liebe in ein fiktives Verbrechen. Da schreiben Hunde blutige Tagebücher... Und all das unter den gespenstischen Blicken der Stadttauben, den „Sendboten eines Friedens, der keiner ist”. Eine solche hinkende, kotverschmierte, halb verweste Taube lauert dem Ich-Erzähler der titelgebenden Erzählung „Friedenstaube” eines schwülen Sommertags vor der Wohnungstür auf und beginnt ihn von da an auf aggressive Weise zu verfolgen. Wie im Wahn sieht der Protagonist in diesem Tier eine letzte Gemeinheit seines verstorbenen Erzfeindes, des Exfunktionärs und Villenbewohners Rugaitis, der ihn zeitlebens schikanierte. In einem Akt mörderischer Selbstverteidigung zerfetzt er das Tier. Wie im Traum erlebt er die kurz darauf erfolgende Festnahme durch die Polizei wegen Mordes – an Rugaitis. Wo das Leben lediglich aus negativen Emotionen, Unterdrückung, Verfolgung, Ausbeutung und Gewalt besteht, bleibt für Gavelis’ Figuren nur die Flucht: in Gegengewalt wie in der „Friedenstaube”, in die philosophische Selbstverneinung wie im „Wilnaer Arhat” oder in das Reich der Träume und metaphysischen Visionen. Und selbst dann kann man nicht sicher sein, Wilna entkommen zu sein...
Gavelis' Werke wurden u.a. ins Englische, Lettische, Polnische, Finnische und Deutsche übersetzt. Der Autor starb am 18. August 2002 in Wilna.


© internationales literaturfestival berlin


BIBLIOGRAFIE:


Taikos balandis
Alma Littera
Vilnius, 1995

Parastø godø kvartetas
Tyto Alba
Vilnius, 1997

Septynì savìþudybês bûdai
Tyto Alba
Vilnius, 1999

Vilniaus pokeris
Tyto Alba
Vilnius, 2000

Friedenstaube. Sieben Wilnaer Geschichten
Athena
Oberhausen, 2001
Übersetzung: Klaus Berthel

Übersetzer: Klaus Berthel

 

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