Gast beim ilb 2002
Orte sind Richard Ford wichtig. Jede seiner
Geschichten ist präzise situiert. Oft steht am Anfang ein Umzug als
entscheidender Einschnitt in das Leben seiner Figuren. Ein Ort wie
Great Falls, Montana, in dem man gerade angekommen ist, wie in dem
Roman „Wildlife. Wild leben“ (1991), oder von dem man wegzieht, wie in
der Novelle „Eifersüchtig“ (1995). Ford selbst lebt nicht nur an einem,
sondern gemeinsam mit seiner Frau, einer promovierten Stadtplanerin,
der alle seine Bücher gewidmet sind, an drei verschiedenen Orten.
Abwechselnd wohnen sie in New Orleans, Chinook, einer Kleinstadt in
Montana und einem kleinen Ort auf dem Land in der Nähe von Jackson,
wohin Ford sich zum Schreiben zurückzieht. Vielleicht bewirkt der
ständige Wechsel auch seine besondere Wahrnehmung der Orte und der
Landschaften, die er beschreibt: „Der Leser soll sehen, was ich sehe.“
Ford stammt aus den Südstaaten, aus Jackson, Mississippi, wo er 1944
geboren wurde. Er studierte Literaturwissenschaft, arbeitete als Lehrer
und gab Seminare über „Creative Writing“ an verschiedenen
Universitäten. Zwischendurch verdiente er sein Geld auch als
Sportreporter, was er wohl geblieben wäre, wenn nicht eine der beiden
Zeitungen, für die er schrieb, pleite gegangen wäre, und die andere ihm
eine dauerhafte Stelle gegeben hätte. Diese Erfahrungen inspirierten
ihn zu dem gleichnamigen Roman „Der Sportreporter“ (1989), der ihm in
Amerika zum Durchbruch verhalf. Bereits dieser Roman spielt in New
Jersey. Um nicht als typischer Südstaatenautor zu gelten, entschloss
sich Ford, seine Romane in literarisch weniger besetzten Gegenden wie
im kargen Norden Montanas oder an der Ostküste in New Jersey spielen zu
lassen. Oder in Paris, womit er das beliebte Genre des Amerikaners in
der Stadt der Liebe erweitert, allerdings den Mythos nicht
weiterschreibt. In der Novelle „Abendländer“ (1998) lässt er ein
ungleiches Paar statt der erwarteten schönen Tage ein leeres,
regnerisches Paris im Winter erleben. Am Ende steht ein nicht wirklich
überraschender Selbstmord. Wie auch die anderen Romane und Short
Stories zeichnet sich „Abendländer“ durch die Dichte der Atmosphäre
aus, die knappen Dialoge, in denen meistens aneinander vorbeigeredet
wird. Lakonisch erzählt, scheinen doch ohne viel Worte die Gefühle der
einzelnen Figuren auf, ihre inneren Brüche und Sehnsüchte, die Ford mit
viel Sympathie und einem Gespür für Psychologie entwickelt. Zu Recht
gilt Ford, der für seinen Roman „Unabhängigkeitstag“ (1995) mit dem
Pulitzer-Preis und dem PEN/ Faulkner Award ausgezeichnet wurde, daher
als „The Great American Novelist“ in der Tradition eines Saul Bellow
oder John Updike. Im Mittelpunkt seiner Prosa stehen immer Figuren aus
der amerikanischen Mittelklasse, deren Leben an Wendepunkten
schlaglichtartig beleuchtet wird. Wie in „Eifersüchtig“ wird die
Geschichte oft aus der Perspektive von Halbwüchsigen erzählt, von
Jungen, deren Kindheit mit einem Schlag vorbei ist. Die Unsicherheit
und Verletzbarkeit, das Noch-Nicht-Wissen und dennoch Ahnen, wie so ein
Leben eigentlich funktioniert, wird brillant in Sprache gefasst. Am
Ende steht weniger ein Verständnis, als das Wissen, dass die Liebe im
Leben das einzig Dauerhafte ist, auch wenn man nicht so recht versteht,
weshalb. 2006 vollendete Richard Ford mit „The Lay of the Land“ die
Trilogie um Frank Bascombe, dem Protagonisten aus "The Sportswriter"
(dt. „Der Sportreporter“) und "Independence Day" (dt.
„Unabhängigkeitstag“). Der Roman wurde für einen National Book Critics
Circle Award nominiert.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Der Sportreporter
Rowohlt
Reinbek, 1989
Übersetzung: Hans Hermann
Ein Stück meines Herzens
Fischer
Frankfurt/Main, 1989
Übersetzung: Martin Hielscher
Verdammtes Glück
Rowohlt
Reinbek, 1989
Übersetzung: Wolfgang Determann
Der Frauenheld
Fischer
Frankfurt/Main, 1994
Übersetzung: Martin Hielscher
Eifersüchtig
Berlin Verlag
Berlin, 1995
Übersetzung: Fredeke Arnim
Unabhängigkeitstag
Berlin Verlag
Berlin, 1995
Übersetzung: Fredeke Arnim
Abendländer
Berlin Verlag
Berlin, 1998
Übersetzung: Fredeke Arnim
Eine Vielzahl von Sünden
Berlin Verlag
Berlin, 2002
Übersetzung: Frank Heibert
The Lay of the Land
Knopf
New York, 2006
Übersetzer: Fredeke Arnim, Wolfgang Determann, Harold Goland, Frank Heibert, Hans Hermann, Martin Hielscher
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