Gast beim ilb 2002
Breyten Breytenbach wurde 1939 als Sohn einer burischen Familie in Bonnievale, einem Ort der südafrikanischen Kapprovinz, geboren und wuchs in der Kleinstadt Wellington auf. Ein Studium der Bildenden Künste und der Literatur, das er in Kapstadt begonnen hatte, brach er ab, weil ihm die Politik der Apartheid in seinem Lande nicht mehr erträglich schien. Er ließ sich 1961 in Paris nieder, arbeitete als Englischlehrer, fing mit dem Malen an und schrieb erste Gedichte in seiner Muttersprache Afrikaans. Als der ANC verboten wurde, entschloß sich Breytenbach, in Paris zu bleiben. Er war Mitbegründer der Oppositionsgruppe „Okehelaaa“, die den Widerstand außerhalb Südafrikas koordinierte. Seine Ehe mit einer Vietnamesin erklärte das südafrikanische Regime für ungültig. 1975 wurde Breytenbach mit falschem Paß in seinem Heimatland verhaftet, zu neun Jahren Gefängnis verurteilt und erst 1982 unter internationalem Druck freigelassen. Ein Jahr später nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Er lebt heute abwechselnd in Paris, New York, Dakar und Johannesburg. Mit Gedichten hat Breyten Breytenbach sein Schreiben begonnen, mit locker rhythmisierten Versen, die in ihrer nervösen Metaphorik mythisch-religiöse Erzählung und die krude südafrikanische Gegenwart verknüpfen. Ganz nah bei den Dingen sind diese Gedichte, in Slangs und Fachsprachen eingewoben, durchsetzt mit Wortschöpfungen und der Grammatik politischer Reden. Darin treffen sich die Texte mit Breytenbachs Arbeiten als bildender Künstler, die manchmal wie visuelle Lyrik anmuten. Seine Jahre im Gefängnis, die er 1984 in dem Roman „Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristennn“ wortstark und mit genauem Blick für die repressiven Strukturen beschrieben hat, sind nur ein Bruchstück der persönlichen Erfahrung, aus der sich Breytenbachs Texte speisen. Pessimistisch ist sein Bild Südafrikas: auch das Ende des Apartheid-Regimes kann nicht über die miserablen gesellschaftlichen Verhältnisse hinwegtäuschen. Dennoch sind seine jüngsten Bücher von einem Grundmotiv bestimmt: der Rückkehr nach Südafrika. Eines davon, 1995 erschienen, trägt den Titel „Rückkehr ins Paradiesss“. Dieses Reisejournal, dessen Rhythmus von zahllosen Begegnungen und Landschaftsfahrten bestimmt wird, reflektiert den Friedensprozeß und die Gewalt, Erinnerungen an die persönliche Vergangenheit und die Greuel der Apartheid. Fiebrig und polemisch, schwarzmalend und manchmal dennoch versteckt liebevoll ist dieses Buch ein ebensolcher Klagegesang wie jene 1997 erschienene Prosasammlung „Die Erinnerung von Vögeln in Zeiten der Revolutionnn“, in der Breytenbach die Widersprüche eines Exilanten bloßlegt. Hinter der Selbstreflexion wird in seinen Texten ein Netzwerk der Zerstörungen im 20. Jahrhundert erkennbar, das von den nationalsozialistischen Lagern über die Todeszellen des Apartheid- Regimes bis zum Krieg in Bosnien reicht. Breyten Breytenbach hat in seinem 1999 veröffentlichten Buch „Mischlingsherz“ die düstere Perspektive durch einen genauen und mitfühlenden Blick auf das ländliche Südafrika ergänzt, auf die vielen Sonderlinge und Säufer, auf die hart lebenden Menschen und ihre nuancenreiche Sprache.
Breyten Breytenbach ist auch als bildender Künstler international anerkannt. Seine vornehmlich surrealistischen Bilder wurden u.a. in Ausstellungen in Johannesburg, Kapstadt, Hongkong, Amsterdam, Stockholm, Paris, Brüssel, Edinburgh und New York gezeigt.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Wahre Bekenntnisse eines Albino-Terroristen
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1988
Übersetzung: Dietlinde Haug, Sylvia Oberlies
Alles ein Pferd
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1989
Übersetzung: Matthias Müller
Erinnerung an Schnee und Staub
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1992
Übersetzung: Matthias Müller
Rückkehr ins Paradies. Ein afrikanisches Journal
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1995
Übersetzung: Hanna Neves
Die Erinnerung von Vögeln in Zeiten der Revolution
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1997
Übersetzung: Matthias Müller
Mischlingsherz. Eine Rückkehr nach Afrika
Hanser
München, 1999
Übersetzung: Matthias Müller
Lady one
Human & Rousseau
Kaapstad, 2000
Ysterkoei-blues
Human & Russeau
Kaapstad, 2001
Übersetzer: Arnold Blumer, Dietlinde Haug, Esther Kinsky, Klaus Mertens, Matthias Müller, Hanna Neves, Sylvia Oberlies |