Gast beim ilb 2001, 2002
Tahar Ben Jelloun wurde 1944 in Fès, Marokko, geboren. Als Sohn eines Tuchhändlers wuchs er in einfachen Verhältnissen auf. In Tanger besuchte er das französische Gymnasium Regnault. Nach einem Studium der Philosophie in Rabat war Ben Jelloun zunächst als Lehrer in Tetouan und Casablanca tätig; Mitte der sechziger Jahre schloss er sich dann dem Intellektuellen- und Künstlerkreis um die maghrebinische Literatur- und Kulturzeitschrift „Souffles“ und dessen Gründer Abdellatif Laâbi an. In der Zeitschrift veröffentlichte Ben Jelloun Ende der sechziger Jahre zahlreiche Texte. Für seine Teilnahme an den Studenten- und Volksaufständen gegen die repressive Gewaltherrschaft der marokkanischen Polizei wurde der junge Dichter 1966 mit der Zwangsrekrutierung in ein Militärlager bestraft. Fünf Jahre später publizierte er seinen ersten Gedichtband „Hommes sous linceul de silence“ (Ü: Menschen unter dem Leichentuch des Schweigens), kurz darauf emigrierte er nach Paris. Seine Doktorarbeit, die 1977 unter dem Titel „La plus haute des solitudes“ (dt. „Die tiefste der Einsamkeiten“, 1986) erschien, befasste sich mit der Situation der maghrebinischen Einwanderer in Frankreich. Durch sein großes politisches Engagement avancierte er zu einem der bedeutendsten Wortführer der nordafrikanischen Immigranten. Seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte Ben Jelloun 1985 mit dem Roman „L’enfant de sable“ (dt. „Sohn ihres Vaters“, 1986). Für den Folgeroman „La nuit sacrée“ (1987; dt. „Die Nacht der Unschuld“, 1987) erhielt er 1987 als erster Autor des Maghreb den Prix Goncourt. Beide Bücher wurden in 43 Sprachen übersetzt. Tahar Ben Jellouns Romane stehen unter dem Zeichen der Gesellschaftskritik und Polemik gegen staatliche und religiöse Repression, wie er sie in seinem Heimatland erlebt hat. Nicht gegen „den Islam als eine schöne Kultur und große Zivilisation“ habe er sich aufgelehnt, so der Autor, sondern gegen die, die „den Islam benutzen, um die Frauen, die Kinder zu beherrschen, um eine Gesellschaft einzurichten, in der der Mann alle Rechte und wenig Pflichten hat.“ Nahm er in seinem ersten Roman „Harrouda“ (1973; dt. „Harrouda, 1985) die Perspektive eines kollektiven, kindlichen „Wir“ ein, so versetzte sich Ben Jelloun in der Folge oftmals in weibliche Protagonisten, um zu zeigen, dass die Beziehungen zwischen Mann und Frau [...] nicht auf Zärtlichkeit, sondern auf Machtverhältnissen und auf Gewalt“ beruhen. Auch im Protest gegen Rassismus hat sich Jelloun immer wieder zu Wort gemeldet. In seinem theoretischen Essay „ Hospitalité française: racisme et immigration maghrébine “ ( Ü: Französische Gastfreundschaft. Rassismus und maghrebinische Immigration) berichtete er bereits 1984 von rassistischen Übergriffen von Franzosen auf nordafrikanische Gastarbeiter. Hieran anknüpfend thematisiert „Les raisins de la galère» (1996; dt. "Die Früchte der Wut", 2007) die Situation in den multiethnischen Vororten von Paris. Die maghrebinische Protagonistin Nadia kämpft in dieser muslimischen Kultur – trotz der daraus resultierenden Entzweiung mit ihren Brüdern – auf kommunalpolitischer und privater Ebene für weibliche Gleichberechtigung und Anerkennung. Mit „Le racisme expliqué à ma fille“ (dt. „Papa, was ist ein Fremder?“, 1999) schuf der Vater von vier Kindern 1998 ein pädagogisches Aufklärungsbuch, das in 25 Sprachen übersetzt wurde und nicht nur in Frankreich zum Bestseller wurde. Im Januar 2001 erschien Jellouns zwölfter Roman, „Cette aveuglante absence de lumière“ (dt. „Das Schweigen des Lichts“, 2002), für den er 2004 den renommierten IMPAC-Literaturpreis erhielt. Dieser erschütternde Bericht über die Strafkolonie von Tazmamart, in der seit 1971 40 von 58 politischen Gefangenen qualvoll umkamen, löste in Frankreich eine breite Diskussion über das Regime des 1999 verstorbenen marokkanischen Königs Hassan aus. Tahar Ben Jelloun lebt in Paris.
© internationales literaturfestival berlin
Tahar Ben Jelloun online: www.taharbenjelloun.org
BIBLIOGRAFIE:
Hommes sous linceul de silence
Editions Atlantes
Casablanca, 1971
Hospitalité française : racisme et immigration maghrébine
Seuil
Paris, 1984
Harrouda
Rütten und Loening
Berlin, 1985
Übersetzung: Horst Lothar Teweleit
Die tiefste der Einsamkeiten
Stroemfeld/ Roter Stern
Basel, Frankfurt/Main, 1986
Übersetzung: Dorothe Schnyder
Sohn ihres Vaters
Rotbuch
Berlin, 1986
Übersetzung: Christiane Kayser
Der öffentliche Schreiber
Rütten & Loening
Berlin, 1987
Übersetzung: Horst Teweleit
Die Nacht der Unschuld
Rotbuch
Berlin, 1988
Übersetzung: Eva Moldenauer
Der Gedächtnisbaum
Rotbuch
Berlin, 1989
Übersetzung: Christiane Kayser
Das Gebet für den Abwesenden
Rütten & Loening
Berlin, 1990
Übersetzung: Horst Teweleit
Papa, was ist ein Fremder?
Rowohlt
Berlin, 1999
Zina oder Die Nacht des Irrtums
Rowohlt
Reinbek, 2000
Übersetzung: Christiane Kayser
Labyrinth der Gefühle
Rowohlt
Reinbek, 2001
Übersetzung: Christiane Kayser
Das Schweigen des Lichts
Berlin Verlag
Berlin, 2002
Übersetzung: Christiane Kayser
Papa, was ist der Islam?
Berlin Verlag
Berlin, 2002
Übersetzung: Christiane Kayser
Die erste Liebe ist immer die letzte
Wagenbach
Berlin, 2002
Übersetzung: Christiane Kayser
Der letzte Freund
Berlin Verlag
Berlin, 2004
Übersetzung: Christiane Kayser
Die Schule der Armen
Rowohlt
Reinbek, 2004
Übersetzung: Christiane Kayser
Ill: Charley Case
Papa, woher kommt der Hass?
Rowohlt
Berlin, 2005
Übersetzung: Christiane Kayser
Ill: Charley Case
Dornröschen
Bloomsbury
Berlin, 2005
Übersetzung: Christiane Kayser
Ill: Anne Buguet
Verlassen
Berlin Verlag
Berlin, 2006
Übersetzung: Christiane Kayser
Die Früchte der Wut
Berlin Verlag
Berlin, 2007
Übersetzung: Christiane Kayser
Übersetzer: Uli Aumüller, Christiane Kayser, Eva Moldenhauer, Dorothe Schnyder, Horst Lothar Theweleit |