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Autor
© I. Sassier

Boualem Sansal

Algerien

Gast beim ilb 2003, 2004

Der Algerier Boualem Sansal, geboren 1949, begann im Alter von fünfzig Jahren seine Karriere als Schriftsteller. Bis dahin hatte sich der promovierte Ökonom und Ingenieur auf seine Arbeit als hoher Beamter im algerischen Industrieministerium konzentriert. Das Attentat auf Präsident Boudiaf (1992), der Tod eines Freundes sowie die eigene Verfolgung in der bürgerkriegsbelasteten Heimat veranlassten ihn jedoch, sich in den neunziger Jahren mit dem Schreiben über sein Land ein inneres Exil zu schaffen. Sein Debüt „Le serment des barbares“ (dt. „Der Schwur der Barbaren“, 1999) erschien daher in Frankreich, wo es von der Presse gelobt und mit dem Prix du Premier Roman ausgezeichnet wurde. „Le nouvel observateur“ feierte es als „Meisterwerk“.
Der Roman, der mittlerweile nach einem Drehbuch Jorge Sempruns verfilmt wurde, beginnt zunächst wie ein Krimi. Im algerischen Städtchen Rouiba werden am selben Tag zwei Männer sehr unterschiedlichen Standes – der vermögende und unantastbare Pate der Region Moh sowie der mittellose Bakour – ermordet aufgefunden. Die Geschichte verwandelt sich allerdings schnell in eine Zustandsbeschreibung des nordafrikanischen Staates, als dem im Fall Bakour ermittelnden Kommissar klar wird, dass beide Morde zusammenhängen und einen politisch höchst brisanten Hintergrund besitzen. Seine Ermittlungen werden zur Suche nach den Wurzeln der terroristischen Gewalt im heutigen Algerien zwischen Korruption, Unterdrückung und Islamismus.
Sansal weist den Algeriern, die es als Nation erst seit der Unabhängigkeit von 1962 gibt, in seinen Romanen mögliche Wege zu einer eigenen Identität. Insbesondere der Titel des 2000 erschienenen Romans „L‘enfant fou de l‘arbre creux“ (dt. „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“, 2002), für den er 2001 den Michel-Dard-Literaturpreis erhielt, hat diesbezüglich symbolischen Charakter: Das Kind, das im Hof eines Zuchthauses angebunden ist, steht laut Sansal für das algerische Volk in „diesem riesigen Gefängnis Algerien. Ein infantilisiertes Volk, verblendet, durch Lügen gefesselt. Es ist an einem Punkt angekommen, an dem es weder weiß, wer es ist, woher es kommt noch was es will.“
In Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, wird Sansal wegen seines spielerischen Umgangs mit dem Französischen als Spracherneuerer gefeiert. Aufgrund der politisch explosiven Themen seiner satirischen und zugleich poetischen Romane gilt er in Algerien hingegen als Nestbeschmutzer. Dennoch bleibt er mit seiner Frau und den zwei erwachsenen Töchtern weiterhin in seiner Heimat und veröffentlicht ohne den Schutz eines Pseudonyms, zuletzt den Essay „Poste restante: Alger: Lettre de colère et d’espoir à mes compatriotes“ (2006; Ü: Postlagernd: Algier: Ein Brief der Wut und der Hoffnung an meine Landsleute). Die Heiterkeit seiner Romane spricht für Sansals Glauben an Algeriens Zukunft, für die „Dis-moi le paradis“ (2003; dt. „Erzähl mir vom Paradies“, 2004) einen ersten Entwurf darstellt. Auch der Roman „Harraga“ (2005; dt. „Harraga“, 2007) – eine Hommage an die Frauen Algeriens – birgt Hoffnung trotz aller Tragik: Er erzählt vom Konflikt zwischen der alleinstehenden, desillusionierten Ärztin Lamia, die sich längst mit den algerischen Verhältnissen arrangiert hat, und der sechzehnjährigen, unangepassten und lebensfrohen Chérifa.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum

Merlin

Gifkendorf, 2002

Übersetzung: Riek Walther

 

Der Schwur der Barbaren

Merlin

Gifkendorf, 2002

Übersetzung: Regina Keil-Sagawe

 

Erzähl mir vom Paradies

Merlin

Gifkendorf, 2004

Übersetzung: Regina Keil-Sagawe

Poste restante: Alger: Lettre de colère et d’espoir à mes compatriotes
Gallimard
Paris, 2006
 
Harraga
Merlin
Gifkendorf, 2007
Übersetzung: Riek Rohland

Übersetzer: Regine Keil-Sagawe, Riek Walther

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