Gast beim ilb 2003
Etgar Keret wurde 1967 in Tel Aviv, Israel, geboren, wo er auch heute lebt. Die Eltern sind polnische Juden und Überlebende des Holocaust, die Schwester ultra-orthodox, der Bruder Vorsitzender der israelischen Bewegung zur Legalisierung von Marihuana – eine wahrhaft ungewöhnliche Familie. Dass jeder Einzelne sich für das Überleben des ersten jüdischen Staates einsetzte, war in der Zeit nach dem Sechs-Tage-Krieg selbstverständlich. Keret selbst ist zwar Reservist, würde aber nie in den besetzten Gebieten dienen. Lieber engagiert er sich als Autor und Filmemacher für sein Land. Regelmäßig schreibt er eine Kolumne für eine Jerusalemer Wochenzeitung und einen Comic für eine Zeitung in Tel Aviv. Er veröffentlichte mehrere Erzählbände, die nicht nur in Israel Bestseller sind. Seine Kurzfilme wurden bei unterschiedlichen internationalen Filmfestivals ausgezeichnet, und er unterrichtet Drehbuchschreiben an der Filmakademie in Tel Aviv. Keret erhielt den Literaturpreis des israelischen Ministerpräsidenten und den Filmpreis des Kulturministeriums.
Keret gehört einer jungen Generation von Literaten an, die, anders als die großen israelischen Autoren, denen es um die Existenz Israels ging, das Schicksal einer zunehmend mit sich im Zwiespalt lebenden Gesellschaft thematisiert und für ein Ende aller Ideologien plädiert. Keret interessiert der Konflikt mit den Palästinensern und die Gewalt in den besetzten Gebieten, die religiöse Zerrissenheit, die Militarisierung, der Generationenkonflikt nur insofern, als sie das Alltägliche durchdringen. Dabei mischt er Wirklichkeit und Traum, das Reale und das Surreale, sein Ton ist knapp und lakonisch, und das Personal sowie die Situationen wirken wie Mitschnitte aus einem skurrilen Alltag.
"Gaza Blues" (1994, dt. 1996) wurde in Israel schon bald zu einem Kultbuch mit mehr als zwölf Auflagen. Es sind Großstadtgeschichten aus Tel Aviv, die jedoch überall auf der Welt spielen könnten. Keret lässt junge Verlierer, die an den Rändern der Gesellschaft rebellieren, zu Wort kommen und ihre Geschichten von Liebe, Hass und Lebenslust erzählen. Auch "Pizzeria Kamikaze" und "Der Busfahrer, der Gott sein wollte" vermitteln das Lebensgefühl der jüngeren Generation in Israel, deren Sehnsucht nach einem unbeschwerten Leben ungeachtet politischer und gesellschaftlicher Spannungen. Dass Chaim sich mit Uzi in der Pizzeria die Nächte vertreibt oder dass auch ein Busfahrer Prinzipien hat und seinen Einfluss ausspielen kann - stets geht es um das Private, aber das Politische lugt direkt darunter hervor, wie nebenbei entfaltet es sich beim Lesen dieser frech und ironisch erzählten Geschichten.
© Barbara von Bechtolsheim
Etgar Keret online: www.etgarkeret.com
BIBLIOGRAFIE:
Lo banu lehenot
Keter
Jerusalem, 1996
Gaza Blues
Luchterhand
München, 2002
Übersetzung: Barbara Linner
Pizzeria Kamikaze/ Der Busfahrer, der Gott sein wollte
Luchterhand
München, 2002
Übersetzung: Barbara Linner
Mond im Sonderangebot
Luchterhand
München, 2003
Übersetzung: Barbara Linner
The Nimrod Flipout
Vintage
London, 2006
Übersetzung: Miriam Shlesinger, Sondra Silverston
|