Gast des ilb 2003
Nuruddin Farah wurde 1945 im südsomalischen Baidoa als viertes von zehn Kindern geboren. Seine Mutter war eine traditionelle Erzählerin, der Vater Dolmetscher des britischen Gouverneurs. Er wurde in fünf Sprachen erzogen und ausgebildet – Somalisch, Amharisch, Arabisch, Italienisch und Englisch. Zum Studium der Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft ging Farah nach Indien, später studierte er noch Theaterwissenschaft in London und Essex. 1974 verließ er Somalia aus politischen Gründen und lebte seit 1976 im freiwilligen Exil in Europa, Afrika und den USA, Ende der 70er Jahre wurde er in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Er unterrichtete als Gastdozent Literatur in den USA, Italien, Großbritannien, Deutschland Nigeria, Äthiopien, Uganda, Sudan und Gambia. Ein DAAD-Stipendium brachte ihn 1990 nach Berlin, wo er mit Interesse die gesellschaftlichen Veränderungen beobachtete. 1996 kehrte Farah nach 22 Jahren wieder nach Somalia zurück. Heute lebt er mit seiner Frau, die Professorin für Gender Studies ist, und seinen Kindern in Kapstadt.
Seine erste Kurzgeschichte veröffentlichte Farah im Alter von zwanzig Jahren, seither schreibt er auf Englisch – letztlich, weil ihm damals eine amerikanische Schreibmaschine zur Verfügung stand. Heute ist er der Autor zahlreicher Romane und Theaterstücke. „Literatur ist ein Wegweiser durch die Geschichte“, so der Weltbürger Farah, dessen Bücher letztlich für seine Landsleute geschrieben sind, die auch vielfach im Exil leben. In seinen Romanen stellt Farah den Identitätsverlust Somalias wesentlich als Folge von Kolonisierung und Neokolonialismus dar. In der Trilogie Maps, Gifts (dt. Dunyias Gaben) und Secrets (dt. Geheimnisse) beispielsweise geht es um die Suche der Afrikaner nach sozialer, persönlicher, familialer und sexueller Identität. Diese wird oftmals von den starken Frauenfiguren, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen, vorangetrieben. In den meisten Texten ist sein Stil von der Kraft der Bilder, Metaphern und Natursymbole inspiriert, die Farah aus den mündlichen Traditionen Somalias, aus Mythen, Sprichwörtern und nomadischen Überlieferungen wie aus der Sufi-Mystik und magischen Relikten eines vormodernen Afrika vertraut sind.
Farahs Bücher wurden in zwanzig Sprachen übertragen; ins Somalische werden sie heimlich übersetzt und kursieren in Somalia als Untergrundliteratur. Weltweit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, unter anderem 1998 mit dem internationalen Neustadt-Literaturpreis. 2001 wurde ihm von der African Literature Association der Fonlon-Nicholas-Award 2000 für sein Gesamtwerk verliehen. Im Sommersemester 2007 lehrt Farah als Samuel-Fischer-Gastprofessor an der Freien Universität Berlin. Das in englischer Sprache abgehaltene Seminar trägt den Titel Narratives of Subversion.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Aus einer gekrümmten Rippe
Lamuv
Göttingen, 2000
Übersetzung: Gunter Böhnke
Geheimnisse
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2000
Übersetzung: Eike Schönfeld
Wie eine nackte Nadel
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2001
Übersetzung: Barbara Hillgen
Vater Mensch
Frederking & Thaler
München, 2001
Übersetzung: Klaus Pemsel
Duniyas Gaben
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2001
Übersetzung: Klaus Pemsel
Bruder Zwilling
BTB
München, 2002
Übersetzung: Martin Hielscher
Tochter Frau
BTB
München, 2003
Übersetzung: Klaus Pemsel
Yesterday/Tomorrow: Stimmen aus der somalischen Diaspora
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2003
Maps
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2004
Übersetzung: Inge Uffelmann
Links
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
Übersetzung: A. Tanner
Knots
Riverhead Books
New York 2006
Übersetzer: Gunther Böhnke, Martin Hielscher, Barbara Hillgen, Klaus Pemsel, Eike Schönfeld, A.Tanner, Inge Uffelmann
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