Gast beim ilb 2002, 2003
Alessandro Baricco,
1958 in Turin geboren, arbeitete nach dem Studium der Musikwissenschaft
und Philosophie eine Zeit lang in der Werbebranche und schrieb
Opernkritiken für überregionale italienische Zeitungen. 1994 feierte er
mit dem populären Literaturmagazin „Pickwick“ große Fernseherfolge,
zudem veröffentlicht er regelmäßig Reportagen in der Tageszeitung „La
Repubblica“. In Turin, wo Barricio lebt, gründete er die
Privatuniversität „Scuola Holden“ für kreatives Schreiben, in der
zahlreiche bekannte Autoren und Filmemacher dozieren. Bariccos Bücher,
von denen einige inzwischen verfilmt worden sind, wurden mehrfach
ausgezeichnet, u.a. mit dem „Prix Médicis“ (1991) oder dem
italienischen Literaturpreis „Premio Viareggio“ (1993). Schon sein
erster Roman „Castelli di Rabbia“ (dt. „Land aus Glas“), der 1991
erschienen ist, vereint viele der Themen und erzählerischen Muster, die
Alessandro Baricco international zu einem erfolgreichen Schriftsteller
gemacht haben. Die surreal anmutende Geschichte des Glasfabrikanten
Rail, der immer wieder zu Reisen ins Unbekannte aufbricht und seiner
geliebten Frau Jun jedes Mal ein- und dasselbe Geschenk mitbringt, ist
in einem erfundenen 19. Jahrhundert angesiedelt und spielt mit den
romantischen Ideen der allumfassenden Liebe. Im deutschsprachigen Raum
wurde Alessandro Baricco vor allem durch sein drittes Buch, dem
Weltbestseller „Seide“ aus dem Jahr 1996 bekannt, einer Melange aus
Liebesparabel, fernöstlicher Mystik und ausgeklügelten Sprachetüden.
Der Turiner Autor verbindet darin einen Topos der japanischen
Literatur, das Unausgesprochene, mit der Vorstellung der ewigen
Wiederkehr des Gleichen, jener „Wiederholung der Vergangenheit“, wie
sie etwa Gustave Flaubert in seinem Roman „Salammbô“ erzählerisch
gemeistert hat. Erneut ist es das 19. Jahrhundert, in dem Baricco seine
Geschichte spielen lässt: Hervé Joncourt, der Held des Romans, handelt
mit Seidenraupen und reist, um eine besonders seltene Art dieser
Tierchen zu kaufen, Jahr für Jahr nach Japan, in das Land der
Seidenstoffe und der „Poesie der Sehnsucht“. Dort erliegt er dem Charme
einer unsagbar schönen Frau, die ihn „mit verwirrender Intensität“
anschaut und gleichwohl unerreichbar bleibt. Aus der Monotonie seines
bisherigen Lebens gerissen, verfängt sich Joncourt im Labyrinth von
Phantasie und Verlangen. Erst nach dem Tod seiner Gattin erkennt er,
daß er nur sie in der fremden Schönen geliebt hat. Jene mäandrischen
Umwege und Wiederholungen, die Jancour durchleben muss und die dem Text
einen eigenen Rhythmus verleihen, lassen sich auch in Bariccos jüngstem
Buch „City“ aus dem Jahr 2000 finden. Dort zaubern zwei Außenseiter,
der hochbegabte Junge Gould und die zwanzigjährige Shatzy, ihre eigenen
Phantasiewelten und unterlaufen so die Lächerlichkeiten und Zumutungen
der „wirklichen“ Welt. In einer Vielzahl von Episoden verschränkt er
die Zeiten und Landschaften, versieht seine Erzählstränge mit Motiven
aus Comic und Werbung, mit Filmbildern und amerikanischen Mythen. Eine
Hommage an die Tagträume hat Baricco geschrieben, ein Buch über die
Phantasie und die Kraft der Freundschaft.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Seide
Piper
München, 1997
Übersetzung: Karin Krieger
Land aus Glas.
Piper
München, 1998
Übersetzung: Karin Krieger
Hegels Seele oder die Kühe von Wisconsin. Nachdenken über Musik
Piper
München, Zürich, 1999
Übersetzung: Viola Bauer
Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten
Piper
München, 1999
Übersetzung: Karin Krieger
Oceano Mare. Das Märchen vom Wesen des Meeres
Piper
München, 2000
Übersetzung: Erika Cristiani
City
Hanser
München, 2000
Übersetzung: Anja Nattefort
Ohne Blut
Hanser
München, 2003
Übersetzung: Anja Nattefort
Sterben vor Lachen
Hanser
München, 2005
Übersetzung: Sabina Kienlechner
Übersetzer: Viola Bauer, Erika Cristiani, Ann Goldstein, Sabina Kienlechner, Karin Krieger, Anja Nattefort |