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Autor
(c) Hans Weingartz

Dieter Wellershoff

Deutschland

Gast beim ilb 2003

Dieter Wellershoff wurde 1925 in Neuss geboren. Seine Jugend verlebte er im niederrheinischen Grevenbroich bis er sich unter dem starken Einfluss der Kriegspropaganda 1943 noch als Schüler freiwillig an die Front meldete. Schon bald sah er sich angesichts der „blutigen Wirklichkeit des Wortes ‚Schlachtfeld’“ aller falschen Ideale beraubt. Erst 50 Jahre nach Kriegsende konnte er diese ernüchternden Erfahrungen als Soldat in seinem autobiografischen Buch „Der Ernstfall“ (1995) literarisch verarbeiten.
Nach dem Krieg studierte Wellershoff Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Bonn. Seine Dissertation über Gottfried Benn aus dem Jahr 1952 gilt bis heute als ein literaturwissenschaftliches Standardwerk. Er war Mitglied der einflussreichen Gruppe 47 und in den 1960er Jahren Begründer der „Kölner Schule des neuen Realismus“, die, inspiriert vom Nouveau Roman, eine realistische Beschreibungsliteratur vertrat. 1966 erschien sein Debütroman „Ein schöner Tag“.
Dieter Wellershoff hat die deutsche Literaturlandschaft seit den 1950er Jahren geprägt: als freier Schriftsteller und Kritiker, als Literaturwissenschaftler an Universitäten im In- und Ausland und nicht zuletzt durch seine Tätigkeit  von 1959 bis 1981 als Lektor beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Sein eigenes literarisches Werk ist mit Gedichten, Erzählungen, Romanen, Hörspielen, Drehbüchern, literaturtheoretischen Essays und autobiografischen Texten ebenso umfangreich wie vielseitig. Er erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, darunter 1988 den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln. 2001 wurde er für sein Gesamtwerk und insbesondere für seinen Roman „Der Liebeswunsch“ (2000) sowohl mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis als auch mit dem Joseph-Breitbach-Preis gewürdigt. Zu Wellershoffs weiteren Ehrungen zählen der Niederrheinische Literaturpreis der Stadt Krefeld (2002) oder der Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik (2005).
Mit analytischem Blick, der akribisch bis zu den kleinsten Details vordringt, nähert sich Wellershoff seinen Sujets. Seine Romane entfalten ihre intensive Wirkung vor allem durch die beklemmend präzise Darstellung der Figuren als „illusionsanfällige Wesen, die dazu neigen, auf der Suche nach dem richtigen Leben in die Falle der eigenen Phantasien zu gehen“, wie Wellershoff sie selbst einmal charakterisierte. Der Ausbruchsversuch aus einem als falsch empfundenen Leben durch eine ersehnte, letztlich enttäuschte Leidenschaft sprengt in „Der Liebeswunsch“ nicht nur das Beziehungsgeflecht zweier Paare, sondern endet auch für die Hauptfigur Anja fatal.
Anschließend legte Wellershoff mit dem Essayband „Der verstörte Eros“ (2001) eine kulturanalytische, psychologisch motivierte Literaturgeschichte der sublimierten Leidenschaften von Goethe bis Houellebecq vor. Nach weiteren Veröffentlichungen erschien zuletzt die Sammlung „Der lange Weg zum Anfang“ (2007). Hier äußert sich Wellershoff zu einem breiten Themenspektrum, das von Kultur und Gesellschaft, Politik, Moral, Literatur bis hin zum Leben selbst reicht. Wellershoff ist Mitglied der der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur und des deutschen P.E.N.-Zentrums. Er lebt in Köln.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

Die Schattengrenze

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1969

 

Einladung an alle

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1972

 

Literatur und Lustprinzip

dtv

München, 1975

 

Die Auflösung des Kunstbegriffs

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1976

 

Ein Gedicht von der Freiheit: Erzählungen

Fischer

Frankfurt/Main, 1977

 

Glücksucher

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1979

 

Das Verschwinden im Bild

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1980

 

Die Wahrheit der Literatur: sieben Gespräche

W. Fink

München, 1980

 

Die Sirene

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1980

 

Ein schöner Tag

Fischer

Frankfurt/Main, 1981

 

Der Sieger nimmt alles

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1983

 

Die Arbeit des Lebens: autobiographische Texte

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1985

 

Wahrnehmung und Phantasie

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1987

 

Der Roman und die Erfahrbarkeit der Welt

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1988

 

Blick auf einen fernen Berg

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1991

 

Double, Alter ego und Schatten-Ich: Schreiben und Lesen als mimetische Kur

Droschl 

Graz [u.a.] , 1991

 

Das geordnete Chaos: Essays zur Literatur

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1992

 

Blick auf einen fernen Berg

Fischer

Frankfurt/Main, 1993

 

Die Körper und die Träume

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1994

 

Der Ernstfall: Innenansichten des Krieges

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1995

 

Zikadengeschrei

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 1996

 

Das Kainsmal des Krieges

Landpresse

Weilerswist, 1998

 

Der Liebeswunsch

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 2000

 

Die Schönheit des Schimpansen

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 2000

 

Der verstörte Eros

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 2001

 

Der Sieger nimmt alles

Goldmann

München, 2002

 

Die Frage nach dem Sinn 

Gollenstein 

Blieskastel, 2003 

 

Das normale Leben 

Kiepenheuer & Witsch

Köln, 2005

Der lange Weg zum Anfang. Zeitgeschichte, Lebensgeschichte, Literatur
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 2007

 

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