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Mindesthöhe

Viktorija Tokarjewa

Gast bei ilb 2003

Viktorija Tokarjewa wurde 1937 in Leningrad geboren. Mit 18 diplomierte sie an der Leningrader Musikhochschule als Pianistin. Nach ihrer Hochzeit mit einem Physiker zog sie nach Moskau um, wo sie drei Jahre als Klavierlehrerin arbeitete. Sie begann früh zu schreiben. Daher immatrikulierte sie sich, um einem Leben als Klavierlehrerin zu entkommen, schließlich an der Moskauer Filmhochschule im Drehbuchfach, die sie 1968 mit einem Diplom abschloss. Kanpp zwanzig ihrer Drehbücher wurden bislang verfilmt. Viktoria Tokarjewa erhielt für ihre Drehbücher zweimal den Ersten Preis beim Internationalen Moskauer Filmfestival sowie 1981 den Ersten Preis beim Internationalen Dokumentarfilmfestival.

1964 – kurz vor dem Rücktritt Chruschtschows und damit dem Ende der Tauwetterperiode – veröffentlichte sie in der Zeitschrift „Molodaja gvardija“ ihre erste Erzählung „Den‘ bez vranja“ (Ü: Ein Tag ohne Lüge), mit der ihr sogleich der Durchbruch gelang. Von der sowjetischen Zensur blieb sie weitgehend verschont, obwohl ihre Erzählungen, die meist um das Thema Liebe kreisen, auf dem Anspruch nach Privatem, Intimem beharren. Schon vor der Perestrojka wurden zahlreiche ihrer Erzählungen publiziert; sie ist in Russland außerordentlich populär und findet auch in Deutschland großen Anklang: Die Mehrzahl ihrer Erzählbände wurden bereits übersetzt, ebenso wie ihr bislang erster Roman „Ptica Scastija“ (dt. „Glücksvogel“, 2005).

Den Schauplatz von Tokarjewas Erzählungen bildet die russische Großstadt. Die Menschen dort, die ihr Leben im Alltäglichen fristen, träumen gelegentlich den Traum von wahrer Liebe, großen Gefühlen und einem sinnerfüllten Leben, haben Angst vor der Einsamkeit oder sie gieren nach Leben. Da gibt es das Mädchen, das den Klavierlehrer liebt, aber nie ein Wort zu sagen wagt („Raraka“), den Starpianisten in der Midlife-Crisis („Ne sotvori“, dt. „Die Diva“) und die männerverschlingende neue Russin, die sich dann doch einmal verliebt („Pervaja popytka“, dt. „Mara“). Meist werden die Figuren am Ende ihrer Illusionen beraubt, gewinnen aber ein kleines Stück Weisheit und manchmal auch so etwas wie Zufriedenheit.

Tokarjewas Erzählungen ist die filmische Ausbildung der Autorin anzumerken: In schlichter, schnörkelloser Sprache werden Bilder aneinandergereiht und mit wenigen Strichen die Szenen skizziert. Die Figuren gewinnen ihren Charakter durch ihre Gesten, durch kleine, alltägliche Handlungen. Wie ihr Vorbild Tschechow beobachtet sie zugleich mit großer Sensibilität und kühler Distanz. Sie schreibt eine „russische Soziologie en miniature“, meist melancholisch, aber stets mit lakonischem Humor.

© internationales literaturfestival berlin

BIBLIOGRAFIE:

 

O tom, tschego ne bylo

Molodaja Gvardija

Moskva, 1969

 

Kogda stalo nemnoschko teplee

Sovetskaja Rossija

Moskva, 1972

 

Letajuschèie katscheli

Sovetskij Pisatel

Moskva, 1987

 

Und raus bist du

Ammann Verlag

Zürich, 1987

Übersetzung: Elsbeth Wolffheim

 

Zickzack der Liebe

Diogenes

Zürich, 1990

Übersetzung: Monika Tantzscher

 

Mara

Diogenes

Zürich, 1993

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Happy-End

Diogenes

Zürich, 1994

Übersetzung: Angelika Schneider u. a.

 

Korrida

Vagrius

Moska, 1994

 

Lebenskünstler und andere Erzählungen

Diogenes

Zürich, 1994

Übersetzung: Ingrid Gloede

 

Den bes vranja

SP Kvadrat

Moskva, 1995

 

Die Diva

Diogenes

Zürich, 1995

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Na tscherta nam tschuschie

Lokid

Moskva, 1995

 

Povesti i rasskazy

Lokid

Moskva, 1995

 

Sag ich’s oder sag ich’s nicht?

Diogenes

Zürich, 1995

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Schla sobaka po rojalju

Lokid

Moskva, 1995

 

Loschadi s kryljami

Lokid

Moskva, 1996

 

Rimskie Kanikuly
Lokid

Moskva, 1996

 

Sentimentale Reise

Diogenes

Zürich, 1997

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Skaschi mne tschto-nibud

Eksmo

Moskva, 1997

 

Moschno i nelzja

Eksmo

Moskva, 1998

 

Der Pianist

Diogenes

Zürich, 2002

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Strelec

AST

Moskva, 2002

 

Eine Liebe fürs ganze Leben

Diogenes

Zürich, 2003

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Kazino

AST

Moskva, 2003

 

Pervaja popytka

AST

Moskva, 2003

 

Lampenfieber

Diogenes

Zürich, 2003

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Rozovye rozy

AST

Moskva, 2003

 

Gladkoe litschiko

AST

Moskva, 2004

 

Perelom

AST

Moskva, 2004


Glücksvogel

Diogenes

Zürich, 2005

Übersetzung: Angelika Schneider

 

Übersetzer: Angelika Schneider, Monika Tantzscher

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