Gast beim ilb 2004, 2005
Durs Grünbein wurde 1962 in Dresden geboren. 1985 zog er nach Ost-Berlin, wo er ein Studium der Theaterwissenschaft begann. Schon bald entschied er sich für das Schreiben. Er beschäftigte sich autodidaktisch mit Quantenphysik und Neurologie, aber auch mit Philosophie, etwa mit Ludwig Wittgenstein, der Frankfurter Schule und den französischen Strukturalisten. Im Austausch mit Malern, Fotografen und Petformance-Künstlern beteiligte er sich an verschiedenen Zeitschriften, Ausstellungs- und Verlagsprojekten. 1986 begegnete er Heiner Müller, der ihn mit dem westdeutschen Verleger Siegfried Unseld bekannt machte. 1988 erschien Durs Grünbeins erster Gedichtband „Grauzone morgens“ im Suhrkamp Verlag. Die Texte aus dem Zeitraum 1985 bis 1988 vermitteln in nüchternen Momentaufnahmen einen authentischen Eindruck des Lebensgefühls in den urbanen Zentren der DDR.
1991 folgte der vielbeachtete Band „Schädelbasislektion“, dessen Gedichtzyklen mit Titeln wie „Niemands Land Stimmen“, „Tag X“ und „Portrait des Künstlers als junger Grenzhund“ die Zeit vor, während und nach der Wende thematisierten. Mit illusionslosem Blick seziert er in geschliffener Sprache unter Verwendung von zerebralen Motiven („Schädelnaht“, „Hirnmaschine“, „Nervenbahnen“) den Ort des Denkens. Ein Kritiker befand: „Nach dem Ende aller Religionen und Ideologien, so scheint es, ist das Bewusstsein auf seine physiologische Existenz als Labyrinth und Wirrknäuel biochemischer Verbindungen im Gehirn reduzierbar.“ In „Falten und Fallen“ (1994) setzt Durs Grünbein sein poetisches Konzept der analytischen Lyrik zwischen Sprache und Physis fort: „Das Gedicht führt idealerweise das Denken in einer Folge physiologischer Kurzschlüsse vor. Jeder Entladung folgt sofort wieder ein Spannungsaufbau und umgekehrt. Die Energie hierfür liefert ein Komplex, der eigentlich nur unzureichend mit ‚Körper’ bezeichnet ist, weil er sehr viel tiefer unter die Haut geht.“
1995 erhielt Grünbein den Peter-Huchel-Preis für Lyrik. Im selben Jahr wurde ihm - als bis dahin jüngstem Autor – der Georg-Büchner-Preis verliehen. In den Gedichtbänden der folgenden Jahre sucht er, formal und thematisch verstärkt, den Dialog mit großen Denkern und Dichtern der Weltliteratur. So ist z. B. „Vom Schnee“ (2003) ein Portrait des Philosophen Reneé Descartes in Form eines epischen Gedichts, bestehend aus zweiundvierzig streng durchkomponierten Kapiteln. Grünbein veröffentlichte außerdem mehrere Essaysammlungen sowie Neuübersetzungen von Theaterstücken der Antike, darunter Aischylos’ „Die Perser“ (2000) und Senecas „Thyestes“ (2002). 2003 wurde ihm, als bis dato einzigem Nicht-Philosophen, der Friedrich-Nietzsche-Preis verliehen. Neben zahlreichen weiteren Ehrungen erhielt er 2005 den Friedrich-Hölderlin-Preis und 2006 den Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung. Sein Werk, das neben Essay- und Gedichtbänden auch zahlreiche Katalogbeiträge sowie ein Opernlibretto umfasst, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Durs Grünbein lebt in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Grauzone morgens
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1988
Schädelbasislektion
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1991
Den teuren Toten
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1994
Falten und Fallen
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1994
Von der üblen Seite
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1994
Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1996
Nach den Satiren
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 1999
Das erste Jahr
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2001
Erklärte Nacht
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2002
Warum schriftlos leben
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2003
Vom Schnee
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2003
Lob des Taifuns
Veronika Schäpers
Tokyo, 2004
Berenice
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2004
Porzellan: Poem vom Untergang meiner Stadt
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
Der Misanthrop auf Capri: Historien, Gedichte
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
Antike Dispositionen: Aufsätze
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
Museumsinsel (m. Thomas Florschuetz)
Walther König
Köln, 2006
Gedicht und Geheimnis. Aufsätze 1990-2006
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2007 |