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© privat

Jean-Philippe Toussaint

Belgien

Gast des ilb 2004

Jean-Philippe Toussaint wurde 1957 in Brüssel, Belgien, geboren. Einen Teil seiner Jugend verbrachte er in Paris, wo er später Politikwissenschaft und Neuere Geschichte studierte. Von 1982 bis 1984 arbeitete er als Französischlehrer in Algerien. Dort begann er mit dem Schreiben. Durch einen Zufall wurde Jérôme Lindon, Verleger des Pariser Verlages Éditions de Minuit, der in den fünfziger Jahren die wichtigsten Autoren des ‚nouveau roman’ publizierte, auf Toussaints Manuskript „La Salle de bain” (1985; dt. „Das Badezimmer”, 1987) aufmerksam und entschied spontan, das Buch herauszubringen. Jean-Philippe Toussaint verwendet in seiner Geschichte von einem Mann, der auf der Suche nach dem „abstrakten Leben“ das Badezimmer zu seinem Wohn- und Lebensraum macht, verschiedene narrative Elemente, die an die Ästhetik des ‚nouveau roman’ erinnern. So verzichtet er auf jegliche Psychologisierung der Figuren und schreibt stattdessen mit distanziertem Blick aufs Detail. Die Kritik zählt ihn zu den Vertretern des ‚nouveau nouveau roman’. Sein minimalistischer Stil, der in phänomenologischer Präzision zu verharren scheint, korrespondiert immer mit einer untergründigen Ebene: „Ebenso, wie meine Bücher völlig frei von Soziologie und Politik sind, sind Philosophie und Metaphysik in ihnen immer gegenwärtig, auch wenn sie nicht direkt thematisiert werden. Sie sind immer eine Reflexion über die Zeit und den Tod.“ In seinen Romanen „Monsieur“ (1986; dt. „Monsieur“, 1988) und „L’Appareil-photo“ (1989; dt. „Der Photoapparat“, 1991) stehen melancholische Antihelden im Mittelpunkt, die sich den Anforderungen der Realität durch Passivität entziehen. Während eines Stipendiumaufenthaltes in Berlin entstand „La Télévision“ (1997; dt. „Fernsehen“, 2001). Der Ich-Erzähler beschließt, auf das Fernsehen zu verzichten. Die gewonnene Zeit verbringt er im Schwimmbad, im Museum und mit kleinen Ausflügen. Der Verlust der unmittelbaren Wahrnehmung wird hier subtil und ironisch thematisiert. Zuletzt erschienen die Betrachtung „La mélancholie de Zidane“ (2006; dt. „Zidanes Melancholie“, 2007) und der Roman „Fuir“ (2005; dt. „Fliehen“, 2007), für den er 2006 den bedeutenden französischen Literaturpreis Prix Médici gewann. Der Roman wurde als Fortsetzung von „Faire l’amour“ (2002; dt. „Sich lieben“, 2003) konzipiert. In diesem sieht sich ein französisches Paar während einer Japanreise nicht nur mit dem Gefühl des Fremdseins in einer anderen Kultur konfrontiert, sondern auch mit starker Entfremdung innerhalb ihrer Beziehung. Für die inneren, emotionalen Zustände findet Toussaint eindrucksvolle Bilder. In „Fliehen“ befinden sich die Protagonisten des ersten Buches nicht nur auf der Flucht vor der Pekinger Polizei, sondern auch auf der Flucht voreinander. Einfühlsam zeigt der Autor den Konflikt einer Beziehung, die die Beteiligten weder beenden, noch ertragen können.
Der Schriftsteller ist zudem als Regisseur und Fotograf tätig, und machte sich auf Fotoausstellungen in Frankreich und Japan einen Namen. Er lebt auf Korsika und in Brüssel.

© internationales literaturfestival berlin

Jean-Philippe Toussaint online:

www.jean-philippe-toussaint.de


BIBLIOGRAFIE:

 

Monsieur

Hanser

München, Wien, 1988

Übersetzung: Sigrid Vagt

 

Der Photoapparat

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1991

Übersetzung: Joachim Unseld

 

La réticence

Les Editions de Minuit

Paris, 1991

 

Der Köder

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 1993

Übersetzung: Achim Russer

 

Fernsehen

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2001

Übersetzung: Bernd Schwibs

 

Selbstporträt [in der Fremde

Frankfurter Verlagsanstalt

Frankfurt/Main, 2001

Übersetzung: Bernd Schwibs

 

Sich lieben

Frankfurter Verlagsanstalt

Frankfurt/Main, 2003

Übersetzung: Bernd Schwibs

 

Das Badezimmer

Frankfurter Verlagsanstalt

Frankfurt/Main, 2004

Übersetzung: Joachim Unseld

Zidanes Melancholie
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt/Main, 2007
Übersetzung: Joachim Unseld 

Fliehen
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt/Main, 2007
Übersetzung: Joachim Unseld


Übersetzer: Achim Russer, Bernd Schwibs, Joachim Unseld, Sigrid Vagt

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