Gast des ilb 2007
Edgardo Cozarinsky
wurde 1939 in Buenos Aires geboren. Er studierte in seiner Heimatstadt
Literatur und gründete das Filmmagazin »Flashback«. In den sechziger
und siebziger Jahren schrieb er Filmkritiken und Essays, darunter »El
laberinto de la apariencia« (1964; Ü: Das Labyrinth der Erscheinung)
über Henry James. 1974 gab er den Band »Borges y el cine« heraus (1988;
Ü: Borges und das Kino; in Europa erschienen als »Borges en/y/sobre el
cine«), eine Sammlung von Filmkritiken von Jorge Luis Borges. Für »El
relato indefendible« (Ü: Der unhaltbare Bericht), einen Essay über den
Tratsch als narrative Form, erhielt Cozarinsky 1979 den von der
Tageszeitung »La Nación« vergebenen Essaypreis. 1973 verließ er sein
Heimatland, nachdem Juan Perón erneut zum Präsidenten gewählt worden
war, um dem Klima des populistischen Autoritarismus und der kulturellen
Enge zu entgehen. Er ließ sich in Paris nieder.
Cozarinsky wurde in Europa zunächst für sein
umfangreiches cineastisches Werk bekannt. Hier drehte er mehrere
Spielfilme, darunter »Les apprentis sorciers« (1977; Ü: Die
Zauberlehrlinge), »La guerre d’un seul homme« (1981; Ü: Der Krieg eines
Einzelnen) und in jüngerer Zeit »Citizen Langlois« (1995; Ü: Bürger
Langlois) und »Ronda nocturna« (2005; dt. »Der Nachtschwärmer«).
Daneben schrieb Cozarinsky Drehbücher und produzierte eine Reihe von
semi-dokumentarischen Künstlerportraits, u.a. über Jean Cocteau, Sarah
Bernhardt, Italo Calvino, Vincent van Gogh und Andrej Tarkowskij.
Während einer schweren Erkrankung begann
Cozarinsky, sich seiner literarischen Passion zu widmen. Seither
veröffentlichte er drei Theaterstücke und mehrere Erzählbände, die in
viele europäische Sprachen übersetzt wurden. Ebenso wie in seinen
filmischen Essays, die Fiktion und Dokumentation verbinden, wird in
seinem Schreiben die Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie
durchlässig. Mit »Vudú Urbano« (1984; Ü: Städtischer Voodoo) begibt er
sich auf eine »sentimentale Reise«, während der er dreizehn sogenannte
»Postkarten« verfasst und absendet. Hierbei handelt es sich um fiktive
Anekdoten, die in der Vorstellung des Lesers Bilder abrufen, welche –
wie Postkartenbilder – auf kollektiven Klischees basieren. Cozarinsky
schrieb dieses Buch auf Englisch – in der Sprache, die er »Foreigner’s
English« nennt –, in der Absicht, das Original unauffindbar zu machen.
Susan Sontag und Guillermo Cabrera Infante verfassten eine Einleitung
für die erste Ausgabe. Von der Stadt, dem Exil und der Reise in die
Vergangenheit erzählt er auch in den sieben Erzählungen von »La novia
de Odessa« (2001; dt. »Die Braut aus Odessa«, 2005). Vor kurzem wurde
»El rufián moldavo« (2004) unter dem Titel »Man nennt mich flatterhaft
und was weiß ich ...« ins Deutsche übersetzt. Der kurze Roman schildert
die Recherche eines Doktoranden über das jiddische Theater in
Argentinien. Die Spurensuche im Buenos Aires der dreißiger Jahre wird
für ihn bald zu einer Konfrontation mit der eigenen Herkunft.
Cozarinksy veröffentlichte zuletzt die
Erzählsammlung »Tres fronteras« (2006; Ü: Drei Grenzen) und den Roman
»Maniobras nocturnas« (2007; Ü: Nächtliche Manöver). Er lebt seit den
neunziger Jahren wieder in Buenos Aires und weiterhin auch in Paris.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
El laberinto de la apariencia
Losada
Buenos Aires, 1964
La Casa de la ficción
Editorial Fundamentos
Madrid, 1977
Borges en/y/sobre el cine
Fundamentos
Madrid, 1981
Vudú Urbano
Anagrama
Barcelona, 1984
El pase del testigo
Sudamericana
Buenos Aires, 2000
Borges y el cinematógrafo
Emecé Editores
Barcelona, 2002
El Rufian Moldavo
Emece Editores
Buenos Aires, 2004
Emigrantenhotel
De Arbeiderspers
Amsterdam, 2004
Die Braut aus Odessa
Wagenbach
Berlin, 2005
[Ü: Sabine Giersberg]
Museo del Chisme
Emece Editores
Buenos Aires, 2005
Ronda Nocturna
Libros del Rojas Universidad de Buenos Aires
Buenos Aires, 2005
Palacios Plebeyos
Sudamericana
Buenos Aires, 2006
Tres fronteras
Emecé
Buenos Aires, 2006
Man nennt mich flatterhaft und was weiß ich ...
Wagenbach
Berlin, 2007
[Ü: Sabine Giersberg]
Übersetzer: Sabine Giersberg
|