Gast des ilb 2008
Sjón (Sigurjón Birgir Sigurðsson), 1962 geboren, trat schon als junger Mann in der literarischen Szene Islands in Erscheinung. Seine erste Gedichtsammlung »Sýnir« (1978; Ü: Visionen) veröffentlichte er im Alter von sechzehn Jahren. Bald folgten sieben weitere Bände, die 1986 in der Sammlung »Drengurinn með röntgenaugum« (1986; Ü: Der Junge mit den Röntgenaugen) erneut aufgelegt wurden. Bis dahin hatte Sjón seine Werke im Eigenverlag publiziert und den Ruf eines Underground-Dichters erlangt.
In dieser Zeit war er Mitglied von »Medusa«, einer vom Surrealismus geprägten Gruppe junger Dichter. Sjóns Gedichte und Romane zeigen deutliche Spuren dieses Einflusses. Nach den Romanen »Stálnótt« (1987; Ü: Stahlnacht) und »Engill, pípuhattur og jarðaber« (1989; Ü: Engel, Zylinderhut und Erdbeeren) veröffentlichte er 1994 »Augu þín sáu mig« (Ü: Deine Augen haben mich gesehen) und etablierte sich damit endgültig als Romancier. Das Werk wurde mit dem angesehenen Kulturpreis der Zeitung »DV« ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch für das Nachfolgewerk »Með titrandi tár« (2001; Ü: Mit einer zitternden Träne) erhielt der Autor den »DV«-Literaturpreis. In den beiden Romanen lässt Sjón das zwanzigste Jahrhundert neu entstehen und setzt dabei verschiedene Erzählperspektiven und Elemente mehrerer literarischer und künstlerischer Genres ein, darunter isländische Sagen, internationale Phantasy-Literatur, Krimis, Filme und Cartoons.
Sjóns bekanntestes Werk ist der Roman »Skugga-Baldur« (2003; dt. »Schattenfuchs«, 2007), der mit dem renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates ausgezeichnet und in siebzehn Sprachen übersetzt wurde. Der kurze Roman besteht aus 123 Seiten, die teilweise nur wenige Absätze und manchmal sogar nur eine Zeile enthalten. Im charakteristisch straffen, präzisen und poetischen Duktus bewegt sich die Geschichte auf der Grenze zwischen Gedicht und Prosa. Die Handlung setzt sich aus drei Strängen zusammen. In einem folgen wir Baldur Skugasson auf einer Fuchsjagd durch die Kälte und Dunkelheit in den Bergen. Im zweiten lernen wir den Naturforscher Friðrik B. Friðriksson und Abba, ein Mädchen mit Downsyndrom, kennen, das von ihm aufgenommen wird und ihn schließlich mit ihrer Liebe vor einer dräuenden Katastrophe rettet. Schließlich wird auch die Geschichte eines Schiffbruchs vor der isländischen Küste im Frühjahr 1868 erzählt. Die Schicksale der Protagonisten Friðrik, Abba und Baldur zeigen sich im Verlauf der Handlung als enger miteinander verbunden, als der Leser zunächst ahnen kann.
Sjón ist auch der Autor von Kurzgeschichten, Kinderbüchern und Theaterstücken. Darüber hinaus trat er als Verfasser von Songtexten für Musiker wie Björk und The Brodsky Quartet in Erscheinung. Als einziger nordischen Schriftsteller wurde er für den Oscar nominiert – und zwar für die Liedtexte in Lars von Triers Film »Dancer in the Dark« (2001). Seine Gedichte wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Auswahlsammlungen erschienen auf Englisch, Mazedonisch, Französisch und Deutsch.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Drengurinn með röntgenaugun
Màl og Menning
Reykjavík, 1986
Stálnótt
Mál og Menning
Reykjavík, 1987
Engill, pípuhattur og jarðarber
Mál og Menning
Reykjavík, 1989
Augu þín sáu mig
Mál og Menning
Reykjavík, 1994
myrkar fígúrur
Mál og Menning
Reykjavík, 1998
Með titrandi tár
Mál og Menning
Reykjavík, 2001
Songur steinasafnarans/ Gesang des Steinesammlers
Kleinheinrich
Münster, 2006
[Ill: Bernd Koberling]
[Ü: Tina Flecken]
Schattenfuchs
S. Fischer
Frankfurt am Main, 2007
[Ü: Betty Wahl]
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