Gast beim ilb 2002, 2003, 2004
Azouz Begag wurde 1957 als Sohn eines algerischen Gastarbeiters bei Lyon geboren. Er promovierte in Wirtschaftswissenschaften und arbeitete als Soziologe in Paris und Lyon. Neben wissenschaftlichen Studien, in denen sich Begag mit der Mobilität und Identität von Immigranten beschäftigt, hat er vielbeachtete Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene veröffentlicht. Seine literarischen Werke fanden sowohl in Frankreich als auch in Deutschland große Resonanz bei Kritik und Publikum und sind oft Bestandteil von Landeskundedossiers für den Französisch-Unterricht in der Schule.
1986 avancierte Begag mit seinem ersten - autobiographisch gefärbten - Jugendroman „Le gône du chaâba“ (dt. „Azouz, der Junge vom Stadtrand“, 1998), in dem er dessen Kindheit in einer „slumartigen“ Lyoner Vorstadtsiedlung beschreibt, zum bekanntesten Vertreter der „littérature beure“. In literarischen Texten, Theater- und Musikstücken der in Frankreich aufgewachsenen Jugendlichen nordafrikanischer Herkunft, der „Beurs“, artikulierte sich in den achtziger Jahren das Lebensgefühl dieser zweiten Einwanderergeneration, deren Integration noch immer ein „brennendes“ Problem der französischen Gesellschaft darstellt. Begag thematisiert die Zugehörigkeit zu zwei Kulturen und die doppelte Identität zwischen einer fernen, unbekannten Heimat und einem neuen, wenig vertrauten Land. Anschaulich schildert der Autor die Mühen des „Gastarbeiter“-Kindes Azouz, im eigenen Land anzukommen. Der heranwachsende Azouz hat mit der Isolation zu kämpfen, die er erleidet, weil er sich einerseits durch seine Intelligenz dem Milieu seiner Eltern, die Analphabeten sind, sowie den arabischen Familiensitten entfremdet und er andererseits durch seine Mitschüler immer wieder das Stigma seiner nordafrikanischen Abstammung zu spüren bekommt. Dabei setzt Begag „nicht auf Mitleid und Larmoyanz, sondern auf die subversive Kraft des Humors, auf entlarvende Komik und Detailtreue.“ („Neue Zürcher Zeitung“). „Le gône du chaâba“ wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1986 mit dem französischen Journalistenpreis „Prix du meilleur roman“. Die Verfilmung des Regisseurs Christophe Ruggia wurde 1998 auf der Berlinale präsentiert.
Der politisch engagierte Autor versteht seine schriftstellerische, journalistische und wissenschaftliche Arbeit als Bausteine Beitrag zu einer franko-maghrebinischen Identität und als Möglichkeit, zwischen den politischen Eliten in Frankreich und der Realität in den Immigrantenvierteln zu vermitteln. In seinem Fortsetzungsroman „Béni ou le paradis privé“ (dt. „Fast überall“, 2000), der 1989 in Frankreich erschien, richtet er den Fokus noch stärker auf den alltäglichen Rassismus in Frankreich, der nicht erst beginnt, wenn offen gehetzt und zur Gewalt geschritten wird. Seit 2004 Mitglied des "Conceil économique et social", war er 2005 bis 2007 beigeordneter Minister für die Förderung von Chancengleichheit. Nach Auseinandersetzungen mit dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy gab er sein Amt auf. Sein zuletzt veröffentlichtes Buch ist ein Bericht über seine zweijährige Amtszeit als Minister. Der Titel „Le mouton dans la baignoire“ (2007; Ü: Das Schaf in der Badewanne) ist eine Anspielung auf die öffentliche Ermahnung Sarkozys, Muslime sollten keine Schafe in ihren Badewannen schlachten. Begag ist Chevalier de l'Ordre national du Mérite und Chevalier de la Légion d'honneur. Der Autor lebt in Paris.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Les Voleurs d´écritures
Seuil
Paris, 1990
Aber die Erde ist rund
Belz & Gelberg
Weinheim, 1993
[Ü: Ruth Subjetzki]
Quand on est mort, c´est pout toute la vie
Gallimard
Paris, 1994
[Ü: Ruth Subjetzki]
Azouz, der Junge vom Stadtrand
Nagel & Kimche
Zürich, 1998
[Ü: Regina Keil]
Zenzela
Picus
Basel, 1998
[Ü: Natalie Freud]
Fast überall
Nagel & Kimche
Zürich, 2000
[Ü: Regina Keil]
Insel der Winde
Unionsverlag
Zürich, 2001
[Ü: Regina Keil]
Le théorème de Mamadou
Seuil
Paris, 2002
Dis oualla!
Mille et une nuits
Paris, 2002
Une semaine à Cap Maudit
Cornelsen
Berlin, 2003
Le temps des villages
Cornelsen
Berlin, 2003
Le marteau pique-coeur
Seuil
Paris, 2004
Les chiens aussi
Seuil
Paris, 2004
L’île des gens d’ici
Michel
Paris, 2006
[Ill. Jacques Ferrandez]
L’ intégration
Le Cavalier Bleu
Paris, 2006
Un train pour chez nous
Magnard
Paris, 2006
[Ill. Catherine Louis]
Les voleurs d’écritures suivi de les tireurs d’étoiles
Seuil
Paris, 2006
Le mouton dans la baignoire
Fayard
Paris, 2007
Übersetzer: Natalie Freund, Regina Keil, Ruth Subjetzki |