Gast des ilb 2008
Der Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren. 1971 floh seine Familie über Jugoslawien und Italien in die Bundesrepublik, ein Jahr später zog sie ins kenianische Nairobi, wo Trojanow – unterbrochen von einem dreijährigen Aufenthalt in Deutschland – aufwuchs. Nach Studienjahren in München gründete er den Kyrill-und-Method-Verlag, später den Marino-Verlag, deren Schwerpunkte auf afrikanischer Literatur lagen. Trojanow übersetzte selbst Schriftsteller wie Timothy Wangusa, Chenjerai Hove und Tsitsi Dangarembga und schrieb mehrere Sachbücher über Afrika sowie Reiseführer.
Mit »Die Welt ist groß und Rettung lauert überall« (1996) gab er sein vielbeachtetes Debüt als Romanschriftsteller. Die Familiensaga mit autobiografischem Hintergrund – 2007 verfilmt – breitet neben sozialkritischen Anklängen schon das grundlegende Motiv und Anliegen Trojanows mit überbordender Erzählfreude und wechselnden Tonlagen aus: kulturelle Heterogenität nicht als Übel oder Unglück, sondern als Normalität, Chance oder sogar Glücksfall vorzuführen.
Jahrelange Recherchen im Land seiner Geburt flossen in die Reportage »Hundezeiten« (1999) ein: eine Abrechnung mit der alten Nomenklatura, die sich in eine neue Oligarchie verwandelt hat. 1998 ließ sich der Autor in Mumbai nieder, von wo aus er zahlreiche Reisen unternahm, die er in mehreren seiner Werke beschrieb. Reportagen über Indien, die in großen deutschsprachigen Zeitungen erschienen, sind in dem Band »Der Sadhu an der Teufelswand« (2001) erschienen. Die größte Aufmerksamkeit brachte ihm sein jüngster Roman, »Der Weltensammler« (2006), ein. Trojanow unternimmt darin mit Mitteln der Fiktion eine Annäherung an den britischen Kolonialoffizier und Orientalisten Richard Burton, der sich als exzentrischer Verkleidungskünstler mit zahlreichen Kulturen, Religionen und Sprachen vertraut machte, die »Geschichten aus 1001 Nacht« sowie das Kamasutra übersetzte, unerkannt nach Mekka reiste und sich auf die Suche nach den Quellen des weißen Nil begab. Die Perspektive dieses maßlos Neugierigen wird mit den Sichtweisen Einheimischer kontrastiert. So entsteht ein komplexes Bild fremder Kulturen, voller sinnlicher Bilder, wohlinformierter Details und Reflexionen, die nahtlos an aktuelle Debatten anschließen. Eine deutliche Stellungnahme gab Trojanow ein Jahr später mit »Kampfabsage« (2007), worin das im Untertitel geführte Credo »Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen« mit einer Fülle von historischen Beispielen unterfüttert wird.
Zu Trojanows zahlreichen Preisen gehören der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der Preis der Leipziger Buchmesse und der Berliner Literaturpreis. Zuletzt gab er Reportagen des großen Reisereporters Ryszard Kapuściński heraus und veröffentlichte eigene unter dem Titel »Der entfesselte Globus« (2008). Trojanow lebte ab 2003 in Kapstadt, war 2007 Stadtschreiber in Mainz, Heiner-Müller-Gastprofessor in Berlin und Poetik-Dozent in Tübingen. Der neue Standort seiner Bibliothek befindet sich in Wien.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Die Welt ist groß und Rettung lauert überall
Hanser
München [u.a.O.], 1996
Autopol
[mit Rudolf Spindler]
dtv
München, 1996
An den inneren Ufern Indiens
Hanser
München [u.a.], 2003
Die fingierte Revolution
dtv
München, 2006
Der Sadhu an der Teufelswand
Frederking und Thaler
München, 2001
Der Weltensammler
Hanser
München [u.a.O.], 2006
Kampfabsage
[mit Ranjit Hoskoté]
Blessing
München, 2007
[Ü: Heike Schlatterer]
Der entfesselte Globus
Hanser
München, 2008 |