Gast des ilb 2008
Kiran Nagarkar wurde 1942 in Bombay geboren. Neben Theaterstücken und Drehbüchern verfasste er vier Romane, die ihm den Ruf eines hervorragenden Vertreters der zeitgenössischen indischen Literatur einbrachten. In ihrer postkolonialen Hybridität, ihrer Respektlosigkeit und Ernsthaftigkeit boten seine Werke immer wieder Angriffsfläche für ideologische Kritik.
Nagarkar studierte am Ferguson College in Bombay und arbeitete anschließend als Dozent an verschiedenen Colleges, als Journalist, Drehbuchschreiber und vor allem in der Werbebranche. Seinen ersten Roman, »Saat Sakkam Trechalis« (1974; dt. »Sieben mal sechs ist dreiundvierzig«, 2007), schrieb er in seiner Muttersprache Marathi. Die bittere und dabei burleske Schilderung der Lebenswelt des jungen Bombayers Kunshank gilt in ihrer fragmentierten Form und innovativen Sprachbehandlung als Meilenstein der Marathi-Literatur. In seinem ersten Theaterstück »Bedtime Story« (1978; Ü: Gutenacht-Geschichte) thematisiert Nagarkar moderne Verantwortlichkeit vor dem Hintergrund von aktuellen politische Krisen. Wegen Problemen mit der staatlichen Zensur sowie religiös motivierten Vorbehalten im Kulturbetrieb konnte das Stück erst 1995 uraufgeführt werden. Auch Nagarkars zweiter Roman, »Ravan and Eddie« (1994; dt. »Ravan & Eddie«, 2004), erlebte Anfeindungen. Die Geschichte der Kindheit zweier Jungen aus einer hinduistischen und einer christlichen Familie, die Nachbarn sind und gleichwohl in völlig verschiedenen Welten leben, wurde sowohl als anti-hinduistisch als auch als anti-christlich kritisiert. Dass Nagarkar dieses und seine weiteren Werke auf Englisch, der Sprache seiner Ausbildung, verfasste, nahmen ihm viele seiner Landsleute ebenfalls übel.
Engstirnigkeit und Extremismus kontrastiert Nagarkar in seinen folgenden Romanen mit einer aus Zweifeln gespeisten und für Vielfalt offenen Toleranz. In »Cuckold« (1997 dt. »Krishnas Schatten«, 2002) wird diese Geisteshaltung von einem Charakter vertreten, der in der indischen Geschichtsschreibung undeutlich bleibt: Es ist der unbekannte Gatte der legendären indischen Prinzessin Meera aus dem 16. Jahrhundert, deren Liebeslieder an den Gott Krishna in die indische Alltagskultur Eingang gefunden haben. In »God’s Little Soldier« (2006; dt. »Gottes kleiner Krieger«, 2006) steht dem Protagonisten, der seine Glaubenszugehörigkeit wechselt, ohne jemals seinen Extremismus abzulegen, der zweifelnde Bruder gegenüber. Ganz im Sinne des Selbstverständnisses des Romans als »Lehrstück ohne Botschaft« erklärte Nagarkar in einem Interview: »Wir dürfen niemals aufhören, uns selbst zu hinterfragen. Nichts ist gefährlicher, als zu sehr man selbst zu sein, seiner selbst völlig sicher zu sein. Diese Überzeugung wird nämlich bald zur Intoleranz gegenüber anderen.«
Nagarkar wurde mit dem H.N. Apte Award für den besten Debütroman, dem renommierten Sahitya Award und dem Dalmia Award »für die Förderung kommunaler Harmonie durch Literatur« ausgezeichnet. Er erhielt ein Rockefeller-Stipendium und war Stipendiat der Stadt München. Der Schriftsteller lebt in Bombay.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Krishnas Schatten
A1
München, 2002
[Ü: Ditte und Giovanni Bandini]
Ravan & Eddie
A1
München, 2004
[Ü: Ditte und Giovanni Bandini]
Gottes kleiner Krieger
A1
München, 2006
[Ü: Ditte und Giovanni Bandini]
Sieben mal sechs ist dreiundvierzig
A1
München, 2007
[Ü: Ditte und Giovanni Bandini]
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