Gast des ilb 2008
Dacia Maraini wurde 1936 in Florenz geboren. 1943 siedelten die Eltern mit ihr nach Japan über, wo ihr Vater ethnologische Studien betrieb. Wegen ihres Antifaschismus wurde die Familie in den letzten zwei Kriegsjahren in einem Konzentrationslager interniert. 1946 erfolgte die Rückkehr nach Italien, wo Maraini im sizilianischen Bagheria und nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer Mutter in Palermo aufwuchs. Mit achtzehn Jahren zog sie zu ihrem Vater nach Rom. Dort veröffentlichte sie erste Kurzgeschichten in Zeitungen und gehörte 1957 zu den Gründern der Zeitschrift »Tempo di letteratura«. Ihr erster Roman, »La vacanza« (1962 dt. »Tage im August«, 1964), wurde in zwölf Sprachen übersetzt. Er schildert mit leichter Hand eine Pubertierende, die in den Sommerferien im postfaschistischen Italien ihre Sexualität entdeckt. Die Verbindung von riskanter Themenwahl mit einer außergewöhnlichen Grazie der Darstellung, lebendigen Dialogen und spannenden Handlungsverläufen durchzieht Marainis gesamtes Werk.
Nach einer kurzen Ehe wurde sie 1963 die Lebensgefährtin von Alberto Moravia. Mit ihm unternahm sie in den folgenden Jahren zahlreiche Reisen – vor allem nach Afrika, aber auch nach Asien und Amerika –, auf denen sie oft von befreundeten Intellektuellen wie Pier Paolo Pasolini begleitet wurden. Seit den siebziger Jahren verfasste Maraini zahlreiche Essays, Gedichte und sehr erfolgreiche Theaterstücke und Romane, die oft Sexualität aus weiblicher Sicht beschreiben und auch Vergewaltigung, Inzest und Prostitution thematisieren. Die Autorin war Mitglied feministischer Gruppen und beteiligte sich immer wieder an der Gründung von Theatergruppen. Ihre eigenen Stücke – besonders bekannt ist »Maria Stuarda« (1975; dt. »Maria Stuart«, 1988) – wurden in zahlreichen Ländern Europas, Nord- und Südamerikas aufgeführt. Pier Paolo Pasolini und Margarethe von Trotta gehören zu den Regisseuren, für die sie Drehbücher schrieb.
Seit den neunziger Jahren kamen mehrere von Marainis Prosawerken zu Bestsellerehren, darunter das autobiografisch inspirierte »Bagheria« (1993; dt. »Bagheria – eine Kindheit auf Sizilien«, 1994) und »La lunga vita di Marianna Ucrìa« (1990; dt. »Die stumme Herzogin«, 1991), das ebenfalls auf Sizilien spielt und die Emanzipation einer taubstummen Adeligen im achtzehnten Jahrhundert beschreibt. In »Voci« (1994; dt. »Stimmen«, 1995) und der ebenfalls preisgekrönten Kurzgeschichtensammlung »Buio« (1999; dt. »Kinder der Dunkelheit«, 2000) um die Kommissarin Adele Sofia bilden Kindesmissbrauch, sexuelle Gewalt und bürgerlich maskierte menschliche Abgründe die bedrückenden Themen.
Marainis jüngster Roman, »Colomba« (2004; dt. »Gefrorene Träume«, 2006), nimmt das Verschwinden einer jungen Frau zum Anlass, mit sich überlagernden Erzählerstimmen und Handlungsebenen eine hundertjährige Familiengeschichte zu zeichnen. Die Autorin wurde mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter der Premio Formentor, der Premio Campiello und der Premio Strega. Sie veröffentlicht regelmäßig Artikel über Politik und Gesellschaft in Zeitungen wie »Corriere della Sera«, »La Stampa« und »Il Messaggero«.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Tage im August Bechtle München [u.a.O.] 1964 [Ü: Herbert Schlüter]
Maria Stuart Autorenagentur Frankfurt/Main, 1988 [Ü: Monika López]
Die stumme Herzogin Piper München [u.a.O.], 1991 [Ü: Sabina Kienlechner]
Bagheria – eine Kindheit auf Sizilien Piper München [u.a.O.], 1994 [Ü: Sabina Kienlechner]
Stimmen Piper München [u.a.O.], 1995 [Ü: Eva-Maria Wagner]
Kinder der Dunkelheit Piper München [u.a.O.], 2000 [Ü: Eva-Maria Wagner]
Ein Schiff nach Kobe Piper München [u.a.O.], 2003 [Ü: Eva-Maria Wagner]
Gefrorene Träume Piper München [u.a.O.], 2006 [Ü: Eva-Maria Wagner]
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