Gast beim ilb 2004
Susanne Riedel wurde 1959 in Unna,
Nordrhein-Westfalen, geboren. Zunächst war sie für die „Westdeutsche
Allgemeine Zeitung“ in Essen tätig, bevor sie 1986 nach Berlin zog.
Dort arbeitete sie als Redakteurin und Moderatorin verschiedener
Jugendradiosendungen, später als freie Journalistin für den „Sender
Freies Berlin“ und andere Hörfunksender. 2000 wurde ihr erster Roman
„Kains Töchter“ veröffentlicht. Mit beklemmender Intensität schildert
sie die von Mord, Selbstmord, Inzest und Gewalt bestimmte
Familiengeschichte der beiden Schwestern Joa und Timpie Leghorn. Die
ältere Joa erzählt im Rückblick von den schweren physischen und
psychischen Misshandlungen, denen die Mädchen seit frühester Kindheit
durch die Mutter ausgesetzt waren und deren Folgen ihr weiteres Leben
und Handeln bestimmen. Auch als sie erwachsen sind, gelingt es ihnen
nicht, sich aus den familiären Verstrickungen zu lösen und dem
Teufelskreis aus Gewalt, Schuld und erneuter Gewalt zu entfliehen. Zum
Zeitpunkt des Berichts sind Timpie und Joas Tochter Ruth tot, während
Joa sich in psychiatrischer Behandlung befindet, zutiefst gequält von
Schuldgefühlen und Selbsthass. Die dunkel-archaische Atmosphäre des
Romans entfaltet sich durch Susanne Riedels außergewöhnlichen Stil,
durch die konsequente Verwendung lyrischer Bilder, biblischer Namen und
bizarrer Vergleiche. Diese für ein Prosawerk ungewohnte Metaphorik bot
seinerzeit Anlass zum Streit zwischen Deutschlands bekanntesten
Literaturkritikern.
Auch mit dem zweiten Buch „Die Endlichkeit des Lichts“ (2001), der
skurrilen Liebesgeschichte zwischen der Quizshow-Moderatorin Verna
Albrecht und dem Pilzexperten Alakar Macody, zeigt sich die Autorin
fasziniert vom poetischen Gehalt der Sprache. Ihre Protagonisten
zitieren Gedichte von T. S. Eliot und Anne Sexton und zweifeln nicht
daran, dass die Poesie der Physik in der Fähigkeit überlegen ist, „die
versteckte Symmetrie des Universums“ und somit das wahre Wesen der Welt
zu erkennen. Der Roman selbst ist formal in Spiegelungen, Doppelungen
und Zwillingsmotiven symmetrisch konstruiert. Im Zentrum des dritten
Romans „Eine Frau in Amerika“ (2003) steht ein alterndes
deutsch-amerikanisches Paar, das sich während eines universitären
Kulturaustauschs die Lebenslüge seiner jahrzehntelangen Beziehung
eingestehen muss.
Für eine Passage aus „Die Endlichkeit des Lichts“ wurde Susanne Riedel
2000 mit dem Preis der Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs
ausgezeichnet. 2002 wurde ihr der Wolfgang-Koeppen-Preis der Hansestadt
Greifswald verliehen. Susanne Riedel lebt in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Kains Töchter
Rowohlt
Berlin, 2000
Die Endlichkeit des Lichts
BTB
Berlin, 2003
Eine Frau aus Amerika
Berlin Verlag
Berlin, 2003
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