Gast des ilb 2007
Martín Kohan wurde 1967 in
Buenos Aires geboren. Er studierte Literaturwissenschaft an der
Universität von Buenos Aires, wo er mit einer Arbeit über den
argentinischen Nationalhelden San Martín promovierte
und heute Literaturtheorie lehrt. Außerdem ist er Dozent an der
Universidad Nacional de la Patagonia San Juan Bosco in Trelew und
schreibt als Literaturkritiker u.a. für die Tageszeitung »Clarín«.
Im Werk Kohans verbinden sich lebendige Handlungen mit politisch-ästhetischer Reflexion. Sprachliche
und erzähltechnische Präzision ist mit feiner Ironie durchsetzt. Seine
luziden und feinnervigen Auseinandersetzungen mit identitätsstiftenden
Momenten und Mythen der argentinischen Geschichte haben ihm einen
festen Platz in der intellektuellen Landschaft seines Landes
eingebracht.
Kohans erster Roman, »La pérdida de Laura« (Ü:
Lauras Verlust), erschien 1993. Die beiden folgenden Romane, »El
informe« (1997; Ü: Der Bericht) und »Los cautivos« (2000; Ü: Die
Gefangenen), befassen sich mit verschiedenen Momenten der
argentinischen Geschichte. Letzterer stellt »wirkliche« Gauchos dem
romantisierenden Bild von ihnen gegenüber. Auf große Resonanz in seinem
Heimatland stieß sein vierter Roman, »Dos veces junio« (2002; Ü:
Zweimal Juni), der die argentinische Militärdiktatur thematisiert. Aus
der Perspektive eines Rekruten, der sich mit der Frage eines
Vorgesetzten konfrontiert sieht, ab welchem Alter man Kinder foltern
könne, erzählt er vom moralischen Verfall und der erschütternden
Unbedarftheit vieler Gefolgsleute des Regimes.
Der Roman »Segundos afuera« (2005; dt. »Sekundenlang«, 2007) präsentiert
eine raffiniert konstruierte Geschichte über die 17 Sekunden, die den
argentinischen Herausforderer Firpo im Jahr 1923 um seinen Sieg gegen
den amerikanischen Boxweltmeister Dempsey brachten. Diese Episode wählt
fünfzig Jahre später der Sportredakteur eines patagonischen
Provinzblatts für seinen Beitrag zu einer Jubiläumsausgabe der Zeitung
aus. Bei seinen Recherchen stößt er auf eine unscheinbare Todesmeldung,
die sich – weitere zwanzig Jahre später – als Verbindung zwischen dem
Boxkampf und einem anderen Großereignis herausstellt, das zur gleichen
Zeit stattfand: der Aufführung von Mahlers 1. Sinfonie durch Richard
Strauss in Buenos Aires. Der Roman konstruiert facettenreiche
Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Erzählsträngen und zeitlichen
Ebenen und geht zugleich dem spannungsvollen Verhältnis zwischen Hoch-
und Populärkultur nach.
Kohan veröffentlichte auch Erzähl- und Essaybände,
darunter »Zona Urbana« (2004; Ü: Städtische Zone) über Walter Benjamin
und »Imágenes de vida, relatos de muerte« (1998; Ü: Bilder des Lebens,
Geschichten des Todes) über Eva Perón. In seinem jüngsten Roman, »Museo
de la revolución« (2006; Ü: Das Revolutionsmuseum), setzt sich Kohan
wiederum mit politischen und ästhetischen Fragen auseinander: Die
Aufzeichnungen eines linken Aktivisten aus dem ideologisch aufgeheizten
Argentinien der siebziger Jahre werden zwanzig Jahre später von einem
Verleger gelesen, der sie nun veröffentlichen möchte. Martín Kohan lebt
in Buenos Aires.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
La pérdida de Laura
Tantalia
Buenos Aires, 1993
El informe
Sudamericana
Buenos Aires, 1997
Imágenes de vida, relatos de muerte
Viterbo
Buenos Aires, 1998
Los cautivos
Sudamericana
Buenos Aires, 2000
Dos veces junio
Sudamericana
Buenos Aires, 2002
Zona Urbana
Norma
Buenos Aires, 2004
Narrar a San Martín
Adriana Hidalgo
Buenos Aires, 2005
El museo de la revolución
Mondadori
Buenos Aires, 2006
Sekundenlang
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2007
[Ü: Peter Kultzen]
Übersetzer: Peter Kultzen
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