Gast des ilb 2007
Marie-Aude Murail, 1954 im
französischen Le Havre geboren, stammt aus einer Schriftstellerfamilie
und gehört mit mehr als zwei Millionen verkaufter Titel zu den
beliebtesten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen ihres
Heimatlandes. Sie promovierte an der Sorbonne in Paris in Neuer
Philologie. Zunächst schrieb sie für Erwachsene, bevor sie sich 1986
der Kinder- und Jugendliteratur zuwandte. Ihr umfangreiches Werk, das
mehr als achtzig Buchtitel umfasst, erstreckt sich von illustrierten
Kinderbüchern und Erstlesetexten über fantastische Erzählungen bis hin
zu losen Jugendbuchreihen und Büchern für junge Erwachsene. Murails
Bücher wurden in 14 Sprachen übersetzt und in den Kanon französischer
Schullektüre aufgenommen.
Mit Sprachwitz und viel Gespür für Situationskomik
entwickelt die Autorin ihre Geschichten um ungewöhnliche Charaktere in
den erschütterndsten Lebenslagen. Ihre oft bittersüßen Geschichten um
alleingelassene Heranwachsende, hochintelligente Kinder und egoistische
Erwachsene zeichnen sich durch grotesk gesteigerte Verwicklungen aus,
die die Autorin mit Esprit, Humor und distanziertem Ton auszumalen
weiß, ohne dabei die Ernsthaftigkeit ihrer Figuren in Frage zu stellen.
In dem Jugendbuch »Oh, boy« (2000; dt. »Halb und halb für drei«, 2006)
schwören sich die Geschwister Siméon, Morgane und Venise nach dem
Selbstmord ihrer Mutter, dass sie niemand mehr trennen kann. Doch die
Behörden sind streng, die erwachsenen Halbgeschwister unfähig, und das
Schicksal zeigt sich erbarmungslos, als der Älteste an Leukämie
erkrankt. Mit Drastik und erfrischender Unbekümmertheit schreibt Murail
über menschliche Stärken und Schwächen, das Anderssein und die Tücken
der Normalität: »Man kann vom Leben so erzählen, wie es ist, und dabei
die Hoffung bewahren. Im Leben ist nichts endgültig verloren. Aber
Humor ist notwendig. Man kann in den schwierigsten Lebenssituationen
lachen und sich amüsieren. Das ist es, was ich Kindern mit diesem Buch
zeigen will.« Für ihren Jugendroman »Simple« (2006; dt. »Simpel«,
2007), der die tragikomische Geschichte zweier Brüder erzählt, erhielt
die Autorin 2006 den Prix des Lycéens allemands: Simpel, 22 Jahre alt,
besitzt das geistige Niveau, die Unberechenbarkeit und die
schonungslose Ehrlichkeit eines Dreijährigen. Zusammen mit seinem
17-jährigen Bruder Colbert, der ihn aus dem Heim geholt hat, zieht
Simpel in eine Pariser Studenten-WG, wo er mit seinem Hang zum Chaos
und seiner entlarvenden Naivität zunächst wenig Zuneigung erntet.
Eindrucksvoll erzählt die Autorin von Mut und Eitelkeit, Solidarität
und Liebe. »Ein Buch, das ein gesellschaftliches Tabu auf humorvolle
Weise dem Leser nahe bringt und zugleich die Bedeutung der
Auseinandersetzung mit diesem Thema unterstreicht«, urteilte die
Bundesjury des Prix des Lycéens allemands.
Murail wurde mit zahlreichen Preisen geehrt,
darunter zweimal mit dem Prix Sorcières (1989/1990) sowie mit dem Prix
jeunesse France Télévision und dem Prix Tam-Tam de Salon du livre de
jeunesse de Montreuil. Seit 2004 ist sie Chevalier de la Légion
d’Honneur. Marie-Aude Murail lebt in Orléans.
© internationales literaturfestival berlin
Marie-Aude Murail online: www.marieaudemurail.com
BIBLIOGRAFIE:
Continue la lecture, on n’aime pas la récré ...
Calmann-Lévy
Paris, 1993
Jacques Pasquet
Office du Livre en Poitou-Charentes
Poitiers, 1993
Le trésor de mon père
Klett
Stuttgart, 1993
Chaos, Comics, Liebe
Arena
Würzburg, 1995
[Ill. Dupuy-Berbérian]
[Ü: Hans-Georg Noack]
Babysitter-Blues
Arena
Würzburg, 1997
[Ü: Hans-Georg Noack]
Jesus
Oncken
Wuppertal, 1998
La peur de ma vie
Bayard jeunesse
Paris, 2000
Tom Lorient
l'École des loisirs-Médium club
Paris, 2000
Tu t'es vu quand tu triches ?
La Martinière jeunesse
Paris, 2000
[Ill. Daniel Chevet]
D'amour et de sang
Édition Jeunesse
Paris, 2002
Golem 1. Magic Berber
[Mit Elvire und Lorris Murail]
Pocket junior
Paris, 2002
Mystère
Gallimard jeunesse
Paris, 2002
Auteur jeunesse
Sorbier
Paris, 2003
L’espionne
Bayard Jeunesse
Paris, 2003
[Ill: Jous Frédéric]
Les secrets véritables
Hatier
Paris, 2003
[Ill. Emmanuel Cerisier]
Von wegen, Elfen gibt es nicht
Fischer Schatzinsel
Frankfurt am Main, 2004
[Ü: Tobias Scheffel]
Charles Dickens
Ecole des Loisirs
Paris, 2005
Le hollandais sans peine
Ecole des Loisirs
Paris, 2006
[Ill: Michel Gay]
Halb und halb für drei
Fischer Schatzinsel
Frankfurt/Main, 2006
[Ü: Tobias Scheffel]
Vive la République!
Pocket jeunesse
Paris, 2006
Nonpareil
Ecole des Loisirs
Paris, 2007
Simpel
Fischer Schatzinsel
Frankfurt/Main, 2007
[Ü: Tobias Scheffel]
Übersetzer: Hans-Georg Noack, Tobias Scheffel
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