Gast des ilb 2007
Szilárd Borbély
wurde 1964 im ungarischen Fehérgyarmat geboren. Er studierte nach dem
Wehrdienst Ungarische Sprache und Literatur an der
Lajos-Kossuth-Universität im nahen Debrecen und spezialisierte sich auf
die Zeit des Barock und des frühen 19. Jahrhunderts. Noch während
seiner Studentenzeit wurde sein erster Gedichtband, »Adatok« (1988; Ü:
Daten), veröffentlicht. Seit 1989 ist Borbély am Lehrstuhl für Alte
Ungarische Literatur als Assistent und Dozent tätig. In seiner Studie
»A Vanitatum vanitas szövegvilágáról« (1995) untersuchte er die
»Textur« von Kölcseys Gedicht »Vanitatum Vanitas«. 1998 promovierte er
im Fach Literaturwissenschaft.
Borbélys lyrisches Werk ist von seiner
akademischen Beschäftigung mit textuellen Formen einerseits und in
zunehmendem Maß von religiösen Motiven und Traditionen andererseits
geprägt. Schon als Kind, erinnert er sich, »beschäftigte ich mich nur
mit metaphysischen Fragen. Die physische Welt interessierte mich nicht.
Was mich interessierte waren Engel, der Tod, Gott, das Jüngste Gericht
und verschiedene Arten der Belohnung. Zum Beispiel Schokolade und
andere Süßigkeiten.«
Franz Kafka und János Pilinszky zählt Borbély
ebenso zu seinen Gewährsleuten wie die zeitgenössischen Autoren Miklós
Mészöly, Péter Nádas und Péter Esterházy. In Werken wie dem Langgedicht
»Hosszú nap el« (1993; Ü: Ein langer Tag, fernab) oder »Mint. minden.
Alkalom« (1995 Ü: Wie. alles. Gelegenheit) dominiert das Spiel mit
Stilfiguren die ebenfalls vorhandene existentialistische Dimension.
Über den Lyrikband »Ami helyet« (1999; Ü: Der Ort wovon) bemerkte Gábor
Schein: »Um sich diesen Texten zu nähern, muss man akzeptieren, dass
ein Gedicht eine raumhafte Entität ist, die von sprachlichen
Elementen oder – genauer gesagt – von materiell übermittelten
Äußerungen gebildet wird sowie (und das ist noch wichtiger) von deren
Beziehungen. So werden die Texte buchstäblich zu Texturen, Geweben,
denen gleichzeitig eine repräsentative Kraft innewohnt.« In »Halotti pompa« (2004; Ü: Leichenprunk)
verarbeitet Borbély literarisch einen Einbruch in das Haus seiner
Eltern, bei dem seine Mutter ermordet und sein Vater schwer verletzt
wurde. Dafür greift er auf barocke Stilfiguren und auf Motive der »ars
moriendi« zurück und flicht zahlreiche Verweise auf die Apokryphen
sowie auf die jüdische Aufklärung und Mystik, den Chassidismus, ein.
»Da es scheint, dass wir das Ende der Ära des Rationalismus erreichen,
mag sich ein Blick zurück auf die Bewegung des jüdischen Pietismus
lohnen«, glaubt Borbély.
Der Autor trat auch als Übersetzer aus dem
Deutschen und Englischen hervor, u.a. von den Autoren Rumjana
Zacharieva, Monika Rinck, Hendrik Jackson, Robert Gernhardt und Durs
Grünbein. Er wurde mit den namhaftesten ungarischen Preisen, dem
Tibor-Déry-Preis, dem József-Attila-Preis und dem Füst-Milán-Preis,
ausgezeichnet. Borbély lebt in Debrecen.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Adatok
KLTE
Debrecen, 1988
A bábu arca / Történet
Széphalom
Budapest, 1992
Hosszú nap el
Jelenkor, Müvészeti
Pécs, 1993
A Vanitatum vanitas szövegvilágáról
Kölcsey Társaság
1995
Mint. minden. Alkalom
Balassi
Budapest, 1995
Ami helyet
Jelenkor
Pécs, 1999
Berlin/Hamlet
Jelenkor
Pécs, 2003
Halotti pompa
Kalligram
Pozsony, 2004
Árkádiában: történetek az irodalom történetébö
Csokonai K.
Debrecen, 2006
Pompa funebris: sekvence
Opus
Zblov, 2006
Übersetzer: Heike Flemming |