Gast des ilb 2007
Ornela Vorpsi wurde 1968 in
Tirana geboren. Sie studierte an der dortigen Akademie der Schönen
Künste und siedelte 1991 nach Italien über, wo sie an der Accademia de
Bella Arti di Brera in Mailand ihr Studium fortsetzte. 1997 graduierte
sie an der Université Paris VIII. Seitdem lebt sie als
Schriftstellerin, Fotografin, Malerin und Videokünstlerin in der
französischen Hauptstadt.
Zunächst war Vorpsi als bildende Künstlerin tätig.
Ihre Fotomonografie »Nothing obvious« (2001; Ü: Nichts
Offensichtliches) ist eine Beschäftigung mit dem weiblichen Körper, die
sich mit kunsthistorischen Anspielungen und handwerklicher Sorgfalt
gegen die zeitgenössische Vorliebe für das Element des Zufalls stellt.
»In meiner fotografischen Arbeit habe ich mit der ›Nacktheit‹ des
weiblichen Körpers immer versucht, einen Zustandbericht von jenseits
der Schönheit und der Sinnlichkeit zu geben und damit die Flüchtigkeit
des Körpers, den Einfluss der Zeit auf ihn, in Frage zu stellen.«
Schönheit, Begehren und Vergänglichkeit sind auch die Schlüsselthemen
ihres schriftstellerischen Werks, dem sich Vorpsi in zunehmendem Maße
widmet. Ihre auf Italienisch verfassten Texte erscheinen in der Regel
zuerst in französischer Übersetzung. Das Aufsehen erregende Debüt »Il
paese dove non si muore mai« (2005; dt. »Das ewige Leben der Albaner«,
2007) enthält Prosaskizzen einer albanischen Kindheit und ist eine
harsche Abrechnung mit dem Herkunftsland der Autorin zur Zeit des
Kommunismus. Die junge Protagonistin ist der Rohheit der Gesellschaft,
in der sie aufwächst, ungeschützt ausgeliefert. In der Mischung aus
Begehren und Hass, mit der sich die Geschlechter begegnen, und der
grausamen Willkür des politischen Systems erfährt sie die fundamentale
Absurdität des Lebens. Der Vater der Protagonistin wird aus
unnachvollziehbaren, angeblich politischen Gründen inhaftiert, die
Dorflehrerin begegnet dem Glauben des Kindes an Engel mit einem
erhitzten Lineal – und prügelt doch nur ihren Neid auf dessen
attraktive Mutter heraus, die sich für die Männer schön macht, um sie
dann mit Verachtung zu strafen.
Die Rolle des befremdeten Betrachters nimmt Vorpsi
auch in den dreizehn Kurzerzählungen »Buvez du cacao Van Houten!«
(2005; Ü: Trinken Sie Van-Houten-Kakao!) ein. 2006 erschien »Vetri
rosa« (Ü: Rosa Scherben) mit Fotografien der Autorin nach Texten, die
Vorpsi als Stipendiatin der Villa Kujovama bei Kioto verfasste. Ihr
jüngstes Werk, »La mano che non mordi« (2007; Ü: Die Hand, die man
nicht beißt), spielt im ehemaligen Jugoslawien, das auf unheimliche
Weise ihrem Heimatland gleicht.
Unter Vorpsis Auszeichnungen sind der renommierte
italienische Literaturpreis Grinzane Cavour, der Premio Viareggio, der
Premio Elio Vittorini, der Premio città di Vigevano und der Prix
méditerranéen des Lycéen. Die Künstlerin war bis heute auf zahlreichen
Kunstausstellungen in Frankreich, Italien, Montenegro, Albanien und
Belgien vertreten. Sie lebt derzeit als Gast des Berliner
Künstlerprogramms des DAAD (2007/2008) in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Nothing obvious
Scalo/Thames & Hudson
Zürich, London, 2001
Buvez du cacao Van Houten!
Actes Sud
Arles, 2005
[Ü: Marianne Véron]
Tessons roses
Actes Sud
Arles, 2006
[Ü: Yann Apperry]
Vert venin
Actes Sud
Arles, 2006
[Ü: Nathalie Bauer]
Vetri rosa
Nottetempo
Rom, 2006
La mano che non mordi
Einaudi
Turin, 2007
Das ewige Leben der Albaner
Zsolnay
Wien, 2007
[Ü: Karin Fleischanderl]
Übersetzung: Yann Apperry, Nathalie Bauer, Karin Fleischanderl, Marianne Véron |