Gast des ilb 2007
Ferréz, mit bürgerlichem Namen
Reginaldo Ferreira da Silva, wurde 1975 in der Favela Valo Velho in der
südlichen Peripherie São Paulos geboren. Sein Künstlername stellt eine
Hommage an zwei brasilianische Volkshelden dar: den berühmten Lampião
(eigentlich Virgulino Ferreira) aus dem brasilianischen Nordosten und
Zumbi, den legendären Sklaven-Anführer. Bereits mit sieben Jahren
begann Ferréz Lyrik und Rap-Texte zu schreiben. Trotz äußerst
schlechter Bildungsbedingungen machte er sich mit der Literatur
vertraut. Nach der Schulzeit arbeitet er u.a. als Besenverkäufer,
Hilfsarbeiter und Archivar. Inzwischen gilt er als wichtiger
literarischer Repräsentant der brasilianischen Slumperipherie.
Sein erstes Buch, »Fortaleza da Desilusão« (1997;
Ü: Kraft der Enttäuschung), eine Sammlung konkreter Poesie, erschien
mit finanzieller Unterstützung seines damaligen Arbeitgebers.
Bekanntheit erlangte Ferréz mit seinem ersten Roman, »Capão Pecado«
(2000; Ü: Capão voller Sünde), den eine brasilianische Tageszeitung als
»Postkarte von der anderen Seite der Welt« bezeichnete und der heute
als Meilenstein der neuen brasilianischen Literatur gilt. Das Buch
beschreibt den gewaltsamen Alltag von Capão Redondo, der gefährlichsten
Favela São Paulos. Ferréz’ Anliegen ist es, dem von Polizei und Medien
propagierten, einseitigen Bild der Gewalt und Drogen in den Favelas die
Würde und das Selbstbewusstsein der dort lebenden Menschen
entgegenzusetzen. Sein folgender Roman, »Manual Práctico do Ódio«
(2003; Ü: Praktisches Handbuch des Hasses), beschreibt in klarer und
rhythmischer Sprache die Geschichte einer Gruppe von Jugendlichen aus
dieser Favela, die einen Überfall planen. Es sind Menschen, die ihren
Gefühlen nur auf absolut maßlose Weise Ausdruck geben können. Die
Kritik bezeichnete das Werk, das in mehreren Ländern erschien, als
»einen Schlag in die Magengrube«. In der Erzählsammlung »Ninguém é
Inocente em São Paulo« (2006; Ü: Niemand ist unschuldig in São Paulo)
schildert der Autor Begebenheiten aus dem »wahren São Paulo fernab der
Wolkenkratzer der Avenida Paulista«.
Ferréz ist auch als Rapper, Hip-Hopper und
Kulturmanager seiner Favela aktiv. 1999 gründete er die Initiative
1DASUL (Einer aus dem Süden), die über Einnahmen aus Shows, Lesungen
und den Verkauf von T-Shirts kulturelle Projekte in der Peripherie
fördert. Von 2000 bis 2006 schrieb er Kolumnen für die
Monatszeitschrift »Caros Amigos«. 2005 veröffentlichte er das
Kinderbuch »Amanhecer Esmeralda« (Ü: Smaragdgrüner Tagesanbruch).
Für seine 2001 gegründete Zeitschrift »Literatura
Marginal« wurde er mit dem renommierten Kritikerpreis Prêmio da
Associaçao Paulista de Críticos de Arte ausgezeichnet. Neben dem
Literaturpreis Prêmio Hútuz erhielt er u.a. den Prêmio Cooperifa für
sein Lebenswerk und sein soziales Engagement. Ferréz lebt in der Favela
Capão Redondo.
© internationales literaturfestival berlin
Ferréz online: www.ferrez.com.br
BIBLIOGRAFIE:
Capão Pecado
Labortexto Editorial
São Paulo, 2000
Manual Práctico do Ódio
Objetiva
Rio de Janeiro, 2003
Amanhecer Esmeralda
Objetiva
Rio de Janeiro, 2005
Literatura marginal
Agir
Rio de Janeiro, 2005
Ninguém é Inocente em São Paulo
Objetiva
Rio de Janeiro, 2006
Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner
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