Gast des ilb 2005
Kazuo Ishiguro
wurde 1954 in Nagasaki geboren. Im Alter von fünf Jahren zog seine
Familie nach England, wo sein Vater am National Institute of
Oceanography forschte. Aus dem vorübergehenden Aufenthalt wurde eine
dauerhafte Ansiedlung. Nach dem Abschluss seiner Schulausbildung in
Surrey arbeitete Ishiguro zeitweilig als Jagdhelfer der Königinmutter.
Er strebte eine Karriere als Rockmusiker an, betreute Obdachlose in
London, arbeitete als Sozialarbeiter in Schottland und schloss in
Canterbury an der University of Kent ein Studium der Anglistik und
Philosophie ab. Schließlich studierte er an der University of East
Anglia in Norwich Kreatives Schreiben bei Malcolm Bradbury. In dieser
Zeit entstand Ishiguros erster Roman, »A Pale View of Hills« (1982; dt.
»Damals in Nagasaki«, 1984), der mit dem Winifred Holtby Memorial Prize
ausgezeichnet wurde. Mit fünf weiteren Romanen und vier Drehbüchern für
Fernseh- und Kinofilme festigte Ishiguro seither seinen Ruf als
führender Vertreter der britischen Literatur. Im Mittelpunkt seiner
Werke stehen Individuen, die zu sehr in ihrer eigenen Welt leben, als
dass sie die größeren, historischen Zusammenhänge überblicken könnten,
von denen sie bestimmt werden. Nostalgisch folgen sie ihrer Erinnerung,
um schließlich mehr oder minder ihre Machtlosigkeit gegenüber ihrem
Schicksal zu erkennen. »An Artist of the Floating World» (1986; dt.
»Der Maler der fließenden Welt«, 1988), ein Roman über einen
japanischen Maler, der sich in den Dienst der imperialistischen Politik
seines Landes stellt, erhielt den Whitbread Book of the Year Award. Das
mit dem Booker Prize ausgezeichnete Werk »The Remains of the Day«
(1989; dt. »Was vom Tage übrigblieb«, 1990) erzählt von einem Butler in
der Zeit des Zweiten Weltkriegs, der über seinem übereifrig ausgeübten
Dienst versäumt, ein eigenes Leben zu führen. Der Weltbestseller wurde
mit Anthony Hopkins und Emma Thompson erfolgreich verfilmt. Nach dem
kafkaesken »The Unconsoled« (1995; dt. »Die Ungetrösteten«, 1996) – mit
dem Cheltenham Prize ausgezeichnet – erschien »When We Were Orphans«
(2000; dt. »Als wir Waisen waren«, 2000). In dieser ungewöhnlichen
Detektivgeschichte reist ein einsamer, etwas altmodischer Londoner
Starermittler in den dreißiger Jahren nach Shanghai, um das
Verschwinden seiner Eltern aufzuklären, und enthüllt dabei sein
eigenes, trügerisches Selbstbild. Der neueste Roman, »Never Let Me Go«
(2005; dt. »Alles, was wir geben mussten«, 2005), ist eine sanfte
Horrorgeschichte über eine Erziehungsanstalt, worin die Zöglinge vor
einem schrecklichen Geheimnis behütet werden, dem sie unaufhaltsam
entgegenwachsen. Der Film »The White Countess« (Ü: Die weiße Gräfin),
für den Ishiguro das Originaldrehbuch schrieb und bei dem James Ivory
Regie führte, kommt in diesem November in die Kinos. Für seine
Verdienste um die Literatur wurde Ishiguro 1995 der Orden des
Britischen Empire verliehen. 1998 wurde er in Frankreich zum Chevalier
des Ordens der Künste und Wissenschaften gewählt. Er ist zudem Fellow
der Royal Society of Literature. Ishiguro lebt mit Frau und Kind in
London.
© internationales literaturfestival berlin
Auswahlbibliografie:
Damals in Nagasaki
Goldmann
München, 2001
[Ü: Margarete Längsfeld]
Der Maler der fließenden Welt
Goldmann
München, 2001
[Ü: Hartmut Zahn]
Was vom Tage übrigblieb
Rowohlt
Reinbek bei Hamburg, 2002
[Ü: Hermann Stiehl]
Die Ungetrösteten
Rowohlt
Reinbek bei Hamburg, 2002
[Ü: Isabell Lorenz]
Als wir Waisen waren
Goldmann
München, 2002
[Ü: Sabine Herting]
Alles, was wir geben mussten
Blessing
München, 2005
[Ü: Barbara Schaden]
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