Gast des ilb 2006
Der Autor und Illustrator Ricardo Azevedo
wurde 1949 in der brasilianischen Metropole São Paulo geboren und
gehört zu den renommiertesten Kinder- und Jugendbuchschriftstellern
seiner Heimat. Nach dem Studium der Visuellen Kommunikation arbeitete
er in der Werbebranche und graduierte 1997 über volkstümliche
Erzählungen in der Kinderliteratur. Im Jahr 2004 promovierte er mit
einer Studie über die Texte von Sambaliedern. Sein Debüt gab Azevedo
1980 mit dem Bilderbuch »O peixe que podia cantar« (1980; Ü: Der Fisch,
der singen konnte). Seither sind mehr als 100 Bilder-, Kinder- und
Jugendbücher sowie Lyrikbände erschienen, die international verlegt
wurden. Bereits als junger Erwachsener begann er Erzählungen und
Märchen zu sammeln, und er setzt sich immer wieder mit der mündlichen
Erzähltradition Brasiliens auseinander. So hat er in »Contos de Espanto
e Alumbramento« (2005; Ü: Unheimliche und erleuchtende Geschichten)
populäre Erzählungen modern und poetisch nacherzählt.
Im Mittelpunkt der Literatur von Ricardo Azevedo stehen die
universellen Fragen und Probleme des Lebens, Träume und Ängste,
Leidenschaften und Hoffnungen, die Jung und Alt gleichermaßen bewegen.
Azevedo verwehrt sich gegen die Idee eines rein »kindlichen
Universums«: »Es ist ein Klischee, welches das wirkliche Leben von
Kindern ausblendet. Kinder und Erwachsene haben schon immer dasselbe
Universum geteilt und werden es auch zukünftig tun. Diese Tatsache
eröffnet einem Schriftsteller unendliche Möglichkeiten.« Azevedo gehört
zu jenen Autoren, die nichts vereinfachen oder erklären, sondern die
Dinge auf den Kopf stellen und ihre Gedanken frappierend
unkonventionell mitteilen. »Ninguém sabe o que é um poema« (2005; Ü:
Niemand weiß, was ein Gedicht ist) vereint dreißig Gedichte über das
Mysterium, welches die Anderen und die Poesie für jeden Einzelnen
darstellen. Sie lassen den jungen Leser nach dem Gewicht der
Traurigkeit und der Grenze des Traums fragen, sprechen über Gewalt in
der Sprache der Botanik oder greifen für eine Liebeserklärung auf
Begriffe der Physik zurück. Mit jeder Seite überrascht der Autor, wühlt
auf, bringt zum Lachen und Nachdenken. Mal verwendet er Alexandriner,
mal erzählt er reimlos – stets in klarer Sprache, voller Wortspiele und
mit großem Gespür für Rhythmus.
Einer seiner großen Leidenschaften, dem Fußball, hat sich Azevedo mit
seinem Jugendbuch »Pobre Corinthiano Careca« (1995; dt. »Pedro träumt
vom großen Spiel«, 1997) gewidmet. Inspiriert von der Begegnung mit
Straßenkindern erzählt er von Pedro, der sich in Tagträumen rund um
seinen Lieblingsverein Corinthians de São Paulo verliert, und dessen
Leben alles andere als einfach ist. Er lebt mit seiner Mutter in
ärmlichen Verhältnissen und ist unglücklich verliebt.
Als Autor der Buchreihe »Fura-Bolo« (1999ff; Ü: Zeigefinger), einer
Initiative der Cargill-Stiftung, engagiert sich Azevedo dafür, Kindern
einen freien Zugang zu Büchern, Geschichten und Poesie zu ermöglichen.
2004 wurden die Bücher an mehr als 60 000 Schüler in ganz Brasilien
verteilt. Ricardo Azevedo ist dreifacher Preisträger des Prêmio Jabuti
(1989/91/99) und wurde mit dem Prêmio Banco Noroeste (1984) sowie dem
Kritikerpreis der Stadt São Paulo (1995) ausgezeichnet. Seine
Illustrationen wurden u.a. in Bologna, Tokio und Bratislava
ausgestellt. Azevedo lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie
in São Paulo.
© internationales literaturfestival berlin
Ricardo Azevedo online: www.ricardoazevedo.com.br
BIBLIOGRAFIE:
Dezenove poemas desengonçados
Ática
São Paulo, 1998
Lúcio vira bicho
Companhia das Letras
São Paulo, 1998
Pedro träumt vom großen Spiel
Bertelsmann
München, 1997
[Ü: Nicolai von Schweder-Schreiner]
[Ill: Silvio Neuendorf]
Um homem no sótão
Ática
São Paulo, 2001
Trezentos parafusos a menos
Companhia das Letras
São Paulo, 2001
Ninguém sabe o que é um poema
Ática
São Paulo, 2005
O peixe que podia cantar
Edições SM
São Paulo, 2005
Contos de espanto e alumbramento
Scipione
São Paulo, 2005
Aula de carnaval
Ática
São Paulo, 2006 |