Gast des ilb 2006
Ulla Hahn
wurde 1946 geboren und wuchs in Monheim/Rheinland auf. Nach einer
Bürolehre legte sie ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg ab. In Köln
studierte sie Germanistik, Soziologie sowie Geschichte und promovierte
1975. Danach erhielt sie Lehraufträge an verschiedenen Universitäten
und war bis 1989 Literaturredakteurin bei Radio Bremen. 1994 hatte sie
die Poetik-Dozentur der Universität Heidelberg inne.
Ulla Hahn gehört zu den wichtigsten deutschen
Lyrikerinnen der Gegenwart. Neben mehr als zehn Gedichtbänden
veröffentlichte sie seit den neunziger Jahren auch drei Romane und
zuletzt einen Essayband. In ihrem ersten Gedichtband »Herz über Kopf«
(1981) greift sie auf traditionelle Formen zurück, die sie ironisch
verfremdet und erweitert. In den folgenden Gedichtbänden, z.B. »So
offen die Welt« (2004), werden die Sprechweisen der Moderne einbezogen
und spielerisch reflektiert. Liebes- und Naturgedichte sowie
poetologische Selbsterforschungen und die Auseinandersetzung mit
politischen Themen, besonders aus der Zeit des Nationalsozialismus,
bilden Schwerpunkte ihrer Sammlungen. Die Rolle der Wehrmacht in
Russland ist auch Thema ihres letzten Romans »Unscharfe Bilder« (2003).
In eindringlichen Dialogen zwischen Tochter und Vater wird die
Erlebniswelt des Krieges mit den ganz anderen Erfahrungen der nächsten
Generation konfrontiert.
Mit ihrem zweiten Roman »Das verborgene Wort«
(2001) etablierte sich Hahn auch als Epikerin. Der breit angelegte,
autobiografisch gefärbte Entwicklungsroman erzählt die Geschichte der
jungen Hildegard Palm, die in den fünfziger Jahren auf dem Dorf in
einer rheinischen Arbeiterfamilie aufwächst. Um sich aus ihrem armen
und auch geistig schlichten Umfeld zu befreien, tritt die Protagonistin
die »Flucht in den Kopf« an und entdeckt ihre Liebe zum Wort und zur
Literatur. Die Familie hat allerdings kein Verständnis für die
intellektuelle Emanzipation ihrer Tochter, die plötzlich Hochdeutsch
spricht und sich in Friedrich Schiller verliebt. Für das Bücherlesen
wird sie bestraft, der Besuch des Gymnasiums wird ihr verweigert. Hahn
beschreibt das rheinisch-katholische Milieu der Nachkriegszeit
eindrucksvoll und präzise. Der Einsatz dialektaler Sprache verleiht dem
Roman dabei mitunter naturalistische Züge.
In ihrem neuesten Werk wendet sich die Autorin zum
ersten Mal einer weiteren literarischen Gattung zu: »Liebesarten«
(2006) versammelt 13 Erzählungen, die von Liebe in ihren verschiedenen
Ausprägungen handeln, von selbstloser Hingabe, eitler
Selbstverliebtheit, von Leidenschaft, Glück und Verzweiflung.
Ulla Hahn wurde mit zahlreichen Preisen geehrt,
unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis, dem Hölderlin-Preis, dem
Deutschen Bücherpreis und dem Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis. Sie
lebt mit ihrem Mann, dem ehemaligen Hamburger Bürgermeister Klaus von
Dohnanyi, in Hamburg.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Herz über Kopf
DVA
Stuttgart, 1994
Epikurs Garten
DVA
Stuttgart, 1995
Ein Mann im Haus
dtv
München, 2000
Süßapfel rot
Reclam
Stuttgart, 2003
So offen die Welt
DVA
München, 2004
Das verborgene Wort
DVA
München, 2006
Liebesarten
DVA
München, 2006
Dichter in der Welt
DVA
München, 2006 |