Gast des ilb 2006
Viktor Jerofejew wurde 1947 in Moskau geboren. Einige Jahre seiner Kindheit verbrachte der Sohn eines hochrangigen Diplomaten in Paris. Er hatte früh Zugang zu Literatur, die in der Sowjetunion verboten war. Insbesondere die Werke Vladimir Nabokovs und des Marquis de Sade beeinflussten ihn stark. Ende der sechziger Jahre studierte er Literaturwissenschaft in Moskau, arbeitete anschließend am Institut für Weltliteratur und erlangte 1975 seinen Doktortitel mit einer Dissertation über »Dostojewski und der französische Existentialismus«. Als Literaturkritiker schrieb er einige gewagte Aufsätze, darunter eine Interpretation der Schriften des Marquis de Sade und einen Artikel über den Philosophen Leo Schestow. Aber erst der Literaturalmanach »Metropol« (1979) führte zum großen Skandal. Es handelte sich hierbei um eine politisch brisante Textsammlung – ausgewählt von Viktor Jerofejew, Wassili Axjonow, Andrej Bitow, Jewgeni Popow und Fasil Iskander –, die arrivierte und missliebige Autoren nebeneinanderstellte. Die Versuche, den Almanach in der Sowjetunion herauszubringen, scheiterten an der Einschätzung der offiziellen Stellen, es handele sich um »Pornografie des Geistes«. Schließlich wurde das Werk im Westen veröffentlicht. Daraufhin erhielt Jerofejew Publikationsverbot, während sein Vater Wladimir Jerofejew, ehemaliger Dolmetscher Stalins und zu jener Zeit Botschafter in Wien, gezwungen wurde, seine diplomatische Karriere zu beenden. Erst im Zeichen von Glasnost und Perestroika durfte Viktor Jerofejew wieder publizieren. 1990 erschien sein erster Roman »Russkaja Krasawiza« (dt. »Die Moskauer Schönheit«, 1990). Die Geschichte der schönen Irina, einer Edelhure in Moskau, provozierte durch die dunkle, groteske Ästhetik von Sex, Gewalt und Tod. In den Essays »Pominki po sowjetskoij literatur« (1990; Ü: Nachruf auf die Sowjetliteratur) und »Russkie zwetij sla« (1993; Ü: Russlands Blumen des Bösen) erklärte er die Literatur des Sozialistischen Realismus für tot und formulierte zugleich sein radikales künstlerisches Manifest für eine neue Literatur des Bösen. Jerofejew ist Herausgeber der ersten russischen Nabokov-Ausgabe sowie mehrerer Anthologien zur Neuen Russischen Literatur. Seine Erzählung »Schijsn s idiotom« (1991; dt. »Leben mit einem Idioten«, 1991) wurde von Alfred Schnittke für eine Oper adaptiert. Jerofejew schreibt regelmäßig für den »New Yorker«, die »New York Review of Books«, »Die Zeit« und die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«. Nach seinem vielgelobten autobiografischen Roman »Choroschi Stalin« (2004; dt. »Der gute Stalin«, 2004) veröffentlichte er zuletzt den Erzählband »De profundis« (2006), der im selben Jahr ins Deutsche übersetzt wurde. Jerofejew lebt in Moskau.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Leben mit einem Idioten
Fischer
Frankfurt/Main, 1991
[Ü: Beate Rausch, Rüdiger Wehling-Raspé]
Im Labyrinth der verfluchten Fragen
Fischer
Frankfurt/Main, 1993
[Ü: Beate Rausch]
Das jüngste Gericht
Berlin Verlag
Berlin, 1997
[Ü: Beate Rausch]
Fluß
Aufbau-Verlag
Berlin, 1998
[Ü: Beate Rausch]
Männer
Kiepenheuer und Witsch
Köln, 2000
[Ü: Beate Rausch]
Der gute Stalin
Berlin Verlag
Berlin, 2004
[Ü: Beate Rausch]
Die Moskauer Schönheit
Berlin Verlag
Berlin, 2006
[Ü: Beate Rausch]
De profundis
Berlin Verlag
Berlin, 2006
[Ü: Beate Rausch] |