Gast des ilb 2006
Doris Lessing wurde 1919 in
Kermanschah (im heutigen Iran) als Tochter britischer Eltern geboren
und wuchs in Rhodesien (heute Simbabwe) auf. Im Alter von vierzehn
Jahren brach sie die Schule ab und arbeitete in verschiedenen Berufen.
Später heiratete sie den Deutschen Gottfried Lessing, den sie in den
progressiven, kommunistischen Kreisen Rhodesiens kennengelernt hatte.
Aus der Verbindung, die 1949 geschieden wurde, ging ein Sohn hervor,
mit dem die Autorin im gleichen Jahr nach London übersiedelte.
Hier schrieb sie den Roman »The Grass is Singing«
(1950; dt. »Afrikanische Tragödie«, 1953), den ersten großen Erfolg
ihrer äußerst produktiven und wirkungsmächtigen Schriftstellerkarriere.
Die mit feinen psychologischen Analysen geschilderte Kriminalgeschichte
vor dem Hintergrund des kolonialisierten Afrika kreist bereits um
Lessings zentrales Thema: die Verortung des Subjekts zwischen
Individualismus und Gesellschaft. Wie zahlreiche ihrer Erzählungen und
Romane trägt der nachfolgende Romanzyklus, »Kinder der Gewalt«,
deutlich autobiografische Züge. Während Lessing in den angelsächsischen
Ländern bereits früh als realistische Erzählerin Anerkennung fand,
wurde sie in Kontinentaleuropa erst mit »The Golden Notebook« (1962;
dt. »Das goldene Notizbuch«, 1978) bekannt. Das Werk machte eine
Karriere als Schlüsselbuch der Frauenbewegung – was die Autorin selbst
auf ein Missverständnis zurückführt. In seiner aufsehenerregenden,
komplexen und innovativen Form verknüpfte Lessing darin Sozialkritik
mit einem Humanismus, der den Menschen in seiner gesellschaftlichen
Gebundenheit mit allen Widersprüchen zu verstehen sucht. Ihre Erkundung
des menschlichen Weltinnenraums im Genre der »space fiction«, die
Lessing in den siebziger und achtziger Jahren bevorzugte, weist
psychologische und mystische Einflüsse – zum Beispiel ihre
Auseinandersetzung mit dem Sufismus – auf. In Werken wie dem
fünfteiligen Romanzyklus »Canopus in Argos: Archives« (1979-1983)
thematisierte sie in visionären, mitunter apokalyptischen Szenarien
verstärkt das Irrationale und Böse im Menschen.
Die als Klassikerin der englischen
Nachkriegsliteratur geltende Autorin trat auch mit Theaterstücken und
Essays hervor. Auf dem zweiten Band ihrer »Canopus«-Serie basiert
Philip Glass' Oper »The Marriages Between Zones Three, Four and Five«
(dt. »Die Ehen zwischen den Zonen Drei, Vier und Fünf«), die 1997 in
Heidelberg uraufgeführt wurde. In den neunziger Jahren stellte Lessing
in zwei ausführlichen autobiografischen Bänden ihr Leben bis 1962 dar.
Sie veröffentlichte zuletzt vier Erzählungen unter dem Titel »The
Grandmothers« (2003; dt. »Ein Kind der Liebe«, 2004), gefolgt von ihrem
Roman »The Story of General Dann and Mara's Daughter, Griot and the
Snow Dog« (2005; dt. »Die Geschichte von General Dann und Maras
Tochter, von Griot und dem Schneehund«, 2006), einer Fortsetzung von
»Mara and Dann« (1999; dt. 2001). 2007 wurde die Schriftstellerin
als "Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft
und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung
vorgenommen“ habe, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Sie lebt
in London.
© internationales literaturfestival berlin
Doris Lessing online: www.dorislessing.org
BIBLIOGRAFIE:
Unter der Haut
Goldmann
München, 1996
[Ü: Karen Nölle-Fischer]
Das fünfte Kind
Goldmann
München, 1997
[Ü: Eva Schönfeld]
Die Memoiren einer Überlebenden
Fischer
Frankfurt/Main, 1998
[Ü: Rudolf Hermstein]
Mara und Dann
Hoffmann & Campe
Hamburg, 2001
[Ü: Barbara Christ]
Afrikanische Tragödie
Fischer
Frankfurt/Main, 2004
[Ü: Ernst Sander]
Ein Kind der Liebe
Hoffmann & Campe
Hamburg, 2004
[Ü: Barbara Christ]
Das goldene Notizbuch
Fischer
Frankfurt/Main, 2005
[Ü: Iris Wagner]
Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund
Hoffmann & Campe
Hamburg, 2006
[Ü: Barbara Christ]
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