Gast des ilb 2006
Der litauische Dichter Eugenijus Ališanka
wurde 1960 im sibirischen Barnaul geboren, wohin seine Eltern verbannt
worden waren. Er wuchs nach der Rückkehr der Familie in Vilnius auf und
studierte dort Mathematik. Anschließend war er als wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Institut für Kultur und Kunst tätig. 1991 gab er den
ersten Band seines dreiteiligen Almanachs »Miestelėnai« (Ü: Die
Städter; Band zwei und drei 1995 und 1999) heraus und veröffentlichte
im gleichen Jahr seinen ersten Gedichtband »Lygiadienis« (Ü:
Äquinoktium), der mit dem Zigmas-Gėlė-Preis für das beste poetische
Debüt des Jahres ausgezeichnet wurde. Nach einem Aufenthalt als
Stipendiat des International Iowa Writers' Workshop wurde seine zweite
Gedichtsammlung »Peleno miestas« (1995; Ü: Stadt aus Asche) ins
Englische übersetzt. Inzwischen liegen Teile seiner Werke – vier
Lyrikbände und zwei Bücher mit Essays – auch in französischer,
deutscher, polnischer, schwedischer, russischer und finnischer Sprache
vor.
Ališanka war von 1995-2002 beim Litauischen
Schriftstellerverband als Direktor für internationale Beziehungen tätig
und organisierte das Festival »Poetry Spring«. Seit 2003 ist er
Chefredakteur der Zeitung »Vilnius Review«, die zeitgenössische
litauische Literatur in englischer Übersetzung vorstellt. Daneben trat
er auch als Übersetzer hervor, u.a. von Zbigniew Herbert und Wisława
Szymborska aus dem Polnischen und von Aleš Debeljak aus dem
Slowenischen. Seine eigenen Gedichte sind von großer Integrationskraft
gegenüber fremden Einflüssen, Traditionen, Motiven und Themen, die
Ališanka mit individuellen Ausdrucksmitteln souverän zu lokalen Bildern
und autobiografischen Verweisen kombiniert. Aus dem Sprachfluss in
freien Versen ohne Interpunktion erwächst eine gespannte bis ironische
Deutungsoffenheit. Darin zeigt sich ein neuer Zug der litauischen
Lyrik, die sich aus dem verschlüsselten Widerstand gegen die
sowjetische Fremdbestimmung gelöst hat, sich selbstbestimmt gegenüber
Europa öffnet und ihre kulturelle Eigenständigkeit neu austariert. »Die
vielbeschworene postmoderne Konstellation, die Ališanka auch in seinen
kulturologischen Essays reflektiert, ist mehr als eine Attitüde oder
kurzlebige Modeerscheinung. Sie bündelt vielmehr die Erfahrungen von
Menschen rund um den Globus. ... Was die Älteren nicht selten als
Verlust und Krise erleben und deuten, bedeutet ihnen auch ein Stück
Freiheit und die Chance neuer ästhetischer Entwürfe.« So Klaus Berthel
über den jüngsten Gedichtband »iš neparašytų istorijų« (2002; dt. »aus
ungeschriebenen geschichten«). In Deutschland erscheint in Kürze die
Essaysammlung »Die Rückkehr des Dionys« (2006; OT: »Dioniso
sugrįžimas«, 2001), Ališankas zweite Abhandlung über das Problem des
gegenwärtigen Darstellens nach der Studie »Vaizdijantis žmogus: sacrum
sklaida kultūroje« (1998; Ü: Der darstellende Mensch: Die Saat des
Sakralen in der Kultur). Der Band wurde mit dem Literaturpreis des
Kulturministeriums der Republik Litauen ausgezeichnet. Der Autor lebt
in Vilnius und ist derzeit Gast des DAAD in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Miestelėnai
Taura
Vilnius, 1991
Lygiadienis
Vaga
Vilnius, 1992
Vaizdijantis žmogus: sacrum sklaida kultūroje
Lietuvos rašytojų sąjungos leidykla
Vilnius, 1998
Dievakaulis
Lietuvos rašytojų sąjungos leidykla
Vilnius, 1999
City of Ash
[OT: Peleno miestas]
North Western University Press
Evanston, Ill., 2000
[Ü: Harvey L. Hix]
aus ungeschriebenen geschichten
DuMont
Köln, 2005
[Ü: Klaus Berthel]
Die Rückkehr des Dionys
ATHENA-Verlag
Oberhausen, 2006
[Ü: Klaus Berthel]
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