Patrick Chamoiseau
wurde 1953 in Fort-de-France auf Martinique geboren. Nach einem
Jurastudium in Paris und einem Magisterabschluss in Sozialökonomie
arbeitete er als Erzieher in Resozialisierungsprojekten für inhaftierte
Kinder zunächst in Frankreich, später auf Martinique. Inzwischen ist er
in der Administration des Jugendgerichts von Fort-de-France tätig.
Angeregt von seiner frühen und vielfältigen Lektüre kreolischer
Literatur begann Chamoiseau, sich zunehmend für in der Karibik bereits
aussterbende ethnologische, historische und sprachliche Phänomene zu
interessieren. In seinem Werk, das die unterschiedlichsten Genres
umfasst, geht er der vielgestaltigen kreolischen Identität mit ihren
Einflüssen aus verschiedenen Kulturen und Traditionen nach. In
Abgrenzung gegen das Konzept einer »schwarzen Identität« der von Aimé
Césaire etablierten Négritude-Bewegung formulierte er mit Raphaël
Confiant und Jean Bernabé 1989 ein theoretisches Fundament der
»Kreolität« in dem Manifest »Eloge de la créolité« (1989; Ü: Lobrede
auf die ›Kreolität‹).
Seine literarische Laufbahn begann Chamoiseau in
den siebziger Jahren jedoch mit einem Comic, dem 1982 das Theaterstück
»Manman Dlo contre la fée Carabosse« (Ü: Mama Dlo gegen die böse Fee)
folgte, das die Märchen der Antillen denjenigen Perraults
gegenüberstellt und zeitgenössische kulturelle Konflikte der Antillen
thematisiert. In seinen ersten beiden Romanen, »Chronique des sept
misères« (1986; Ü: Chronik der sieben Übel) und »Solibo Magnifique«
(1988; Ü: Der wunderbare Solibo), setzte Chamoiseau einen neuartigen,
musikalischen Stil ein, der kreolische Umgangssprache und
Erzähltraditionen mit der französischen Sprache verbindet, so dass die
Texte frankophonen Lesern verständlich bleiben. Mit seinem dritten
Roman »Texaco« (1992, dt. »Texaco«, 1995) wurde Chamoiseau schließlich
internationale Anerkennung zuteil. Das Werk schildert die fiktive
Geschichte einer Familie über drei Generationen, und zwar vor dem
Hintergrund der realen Geschichte der Antillen seit den Zeiten der
Sklaverei bis hin zur Unabhängigkeit von der französischen
Kolonialherrschaft. In seiner zuletzt abgeschlossenen autobiografischen
Trilogie »Antan d´enfance« (1990; dt. »Kindertage auf Martinique«,
2006), »Chemin d´école« (1994; Ü: Schulweg) und »A bout d´enfance«
(2005; Ü: Am Ende der Kindheit) rekonstruiert Chamoiseau seine Kindheit
als »petit négrillon«, in deren Schilderung er immer wieder aus der
Perspektive des Schreibenden mit Reflexionen und Bewertungen eingreift.
Chamoiseau erhielt zahlreiche Literaturpreise,
darunter den Prix Kléber Haedens, den Preis der Insel Mauritius, den
Prix Goncourt, den Prix Carbet de la Caraïbe sowie den Spezialpreis der
Jury RFO. Der Autor lebt in Fort-de-France.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Manman Dlo contre la fée Carabosse
Editions Caribéenes
Paris, 1982
Chronique des sept misères
Gallimard
Paris, 1986
Solibo Magnifique
Gallimard
Paris, 1991
Eloge de la créolité
Gallimard
Paris, 1993
Texaco
Piper
München, 1996
[Ü: Giò Waeckerlin Induni]
Chemin d´école
Gallimard
Paris, 1996
A bout d´enfance
Gallimard
Paris, 2005
Kindertage auf Martinique
Zebu Verlag
Frankfurt/Main, 2006
[Ü: Klaus Laabs] |