Gast des ilb 2005
Claire Keegan wurde 1968 in
der irischen Grafschaft Wicklow geboren und wuchs als jüngstes Kind
einer großen katholischen Familie in ländlicher Umgebung auf. Mit 17
Jahren reiste sie nach New Orleans, wo sie an der Loyola University
Englische Literatur und Politikwissenschaft studierte. Nach Irland
zurückgekehrt, begann sie, erste Kurzgeschichten zu verfassen, und
erwarb im walisischen Cardiff einen Magistertitel in Kreativem
Schreiben. Sie graduierte erneut im Fach Philosophie am Trinity College
in Dublin.
1998 machte sie auf sich aufmerksam, als sie mit ihrer Kurzgeschichte
»Storm« den Francis McManus Award gewann. Der Text ist auch in ihrem
ersten Erzählband »Antarctica« (1999; dt. »Wo das Wasser am tiefsten
ist«, 2004) enthalten, der ein Jahr später erschien. Seitdem gilt
Keegan als wichtige neue Stimme der irischen Literatur, die mit Autoren
wie William Trevor und Raymond Carver verglichen wurde. In ihren
Kurzgeschichten evoziert sie die prekäre Verfasstheit des Alltags,
dessen Gleichförmigkeit von möglichen Katastrophen umlagert ist und in
dessen Sicherheit jederzeit ein Unglück einbrechen kann. Knapp und
präzise entwirft Keegan – mal in auktorialer Erzählform, mal in
Rollenprosa – beinahe novellenhafte Skizzen wie Versuchsanordnungen, in
denen sich im Leben ihrer Charaktere aus der Mittelschicht ein Unheil
vorbereitet, das schließlich eintritt, abgewendet werden kann oder in
einer unerwarteten Wendung ausbleibt. Die glücklich verheiratete
Engländerin, die etwas zu verpassen glaubt und einen Seitensprung
begeht, der amerikanische Fischer, der entdeckt, dass er einen Mörder
auf sein Boot eingeladen hat, das irische Au-Pair-Mädchen, das in
Alpträumen vor einer Gefahr für seinen Schützling gewarnt wird, oder
die Frau, die nach zehn Jahren ihren Liebhaber wiedertrifft: Es sind
präzis gefasste Charaktere und Einzelschicksale, die – oft in religiöse
Bezüge gesetzt – auf die conditio humana verweisen. »Das Risiko, das im
Lebendigsein liegt, ist Claire Keegan immer gegenwärtig«, schrieb
Ingeborg Harms in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. »Sie ist eine
Stimme, die uns daran erinnert, dass die literarische Wahrnehmung kein
dekadentes Vergnügen darstellt, sondern der elementaren Orientierung
dient.«
Für ihr Debütwerk wurde Keegan u.a. mit dem William Trevor Award und
dem Rooney Prize ausgezeichnet. Sie erhielt mehrere Stipendien und war
Writer in Residence am University College in Cork. Die Autorin
unterrichtet Kreatives Schreiben und arbeitet derzeit an ihrem ersten
Roman und einer weiteren Erzählsammlung. Für ihre neue Kurzgeschichte
»Dark Horses« (Ü: Dunkle Pferde) wurde sie 2005 erneut mit dem McManus
Award ausgezeichnet. Sie lebt in der Grafschaft Monaghan in Westcork.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Wo das Wasser am tiefsten ist
Steidl
Göttingen, 2004
[Ü: Inge Leipold und Hans-Christian Oeser]
Durch die blauen Felder
Steidl
Göttingen, 2008
[Ü: Hans-Christian Oeser] |