Gast des ilb 2006
Luiz Ruffato
wurde 1961 in Cataguases, im südostbrasilianischen Bundesstaat Minas
Gerais, geboren und stammt aus einer armen Einwandererfamilie. Seine
Mutter, eine Wäscherin, hat italienische Wurzeln, sein Vater, ein
Popcornverkäufer, stammt von Portugiesen ab. Ruffato wandte sich schon
früh der Literatur zu, absolvierte auf Wunsch der Eltern jedoch
zunächst eine Ausbildung zum Verkäufer. Anschließend zog er nach Juiz
de Fora, wo er tagsüber als Mechaniker arbeitete und abends an der
Universidade Federal de Juiz de Fora Journalismus studierte. Als er –
inzwischen Journalist in São Paulo – auch literarische Werke zu
schreiben begann, war es weiterhin seine Herkunft aus der
Arbeiterschicht, aus der er entscheidende Impulse bezog.
Ruffato debütierte mit dem Kurzgeschichtenband
»Histórias de remorsos e rancores« (1998; Ü: Geschichten von
Gewissensbissen und Groll), dem die Erzählsammlung »os sobreviventes«
(2000; Ü: die überlebenden) folgte. Der Band wurde von der Jury des
kubanischen Premio Literario Casa de las Americas mit einer lobenden
Erwähnung bedacht. Für seinen ersten Roman »Eles eram muitos cavalos«
(2001; Ü: Es waren viele Pferde) wurde er von der Kritik als Erneuerer
der brasilianischen Literatur gelobt. Er präsentiert darin ein Panorama
des alltäglichen Lebens in São Paolo als einer Metropole, die sich mit
zwei Geschwindigkeiten entwickelt. Zum einen ist es eine Stadt der
Reichen mit ihren Luxusautos und den repräsentativen Residenzen in
prächtigen Stadtvierteln, zum anderen die Heimat einer armen Masse, die
mühsam ihre alltägliche Existenz fristet. Der Romantitel verweist auf
ein Gedicht der verstorbenen brasilianischen Dichterin Cécilia
Meireles: »eles eram muitos cavalos / mas ninguém mais lembra / de sua
pelagem, de sua cor, de sua origem« (Ü: Es waren viele Pferde / aber
niemand kennt mehr/ ihre Namen, noch ihr Fell, noch ihre Herkunft). Das
Werk setzt sich als Folge von Erzählungen, persönlichen Notizen,
Aussagen, Reflexionen und Bildern aus 69 Episoden oder Kapiteln
zusammen, die alle an einem einzigen Tag spielen. Zeitungsartikel
finden darin ebenso Eingang wie Speisekarten, Verkaufsbroschüren und
Kleinanzeigen, so dass verschiedene Stilebenen unmittelbar
nebeneinander stehen. Die exponierte Bedeutung von Bildlichkeit
verleiht dem Roman eine filmische Atmosphäre, die mit schnellen
Schnitten den Eindruck von Authentizität vermittelt. Für das Werk, das
auch in Italien, Frankreich und Portugal erschien, wurde Ruffato mit
dem bedeutenden Prêmio Machado de Assis der Stiftung Nationalbibliothek
und dem Prêmio Associação Paulista de Críticos de Arte ausgezeichnet.
Nach der Veröffentlichung des Gedichtbandes »As
máscaras singulares« (2002; Ü: Die einzigartigen Masken) arbeitet
Ruffato derzeit an einem auf fünf Bände angelegten Zyklus über die
Industrialisierung Brasiliens seit den fünfziger Jahren unter dem Titel
»Inferno provisorio«. Die ersten beiden Teile, »Mamma, son tanto
felice« (2005; Ü: Mama, ich bin so glücklich) und »O mundo inimigo«
(2005; Ü: Die feindliche Welt), sind bereits erschienen; der dritte,
»Vista parcial da noite« (ü: Ausschnitthafter Blick auf die Nacht),
wird im Oktober 2006 veröffentlicht. Der Autor lebt in São Paulo.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Histórias de remorsos e rancores
Boitempo Editorial
Sao Paulo, 1998
os sobreviventes
Boitempo Editorial
Sao Paulo, 2000
Eles eram muitos cavalos
Boitempo Editorial
Sao Paulo, 2001
As máscaras singulares
Boitempo Editorial
Sao Paulo, 2002
Mamma, son tanto felice
Editora Record
Rio de Janeiro, 2005
O mundo inimigo
Editora Record
Rio de Janeiro, 2005 |