Gast des ilb 2006
Jerzy Kronhold
wurde 1946 im schlesischen Cieszyn nahe der tschechischen Grenze
geboren. Er studierte Polonistik an der Krakauer
Jagiellonen-Universität und Regie an der Staatlichen Hochschule für
Theater in Warschau. Der Dichter und Bühnenautor debütierte 1965 mit
ersten Texten. Nach den Unruhen und Demonstrationen des März 1968
schloss er sich der Gruppe Teraz (Jetzt) an. Sie wird dem Kreis der
Lyriker der »Neuen Welle« zugerechnet, die sich in Opposition zur
Ideologie und Sprache des herrschenden politischen Systems formierten
und eine Öffnung der sozialistischen Ästhetik gegenüber dem Alltag
betrieben. Kronholds erster Gedichtband, »Samopalenie« (1972; Ü:
Selbstverbrennung), ist entsprechend radikal und provozierend gehalten
und bekennt sich explizit zur rebellischen Jugendbewegung. In den
achtziger Jahren gehörte er zu den Aktivisten der heutigen
polnisch-tschechisch-slowakischen »Solidarität«, die damals aus der
Zusammenarbeit unabhängiger Bewegungen in den beiden Nachbarländern
entstand. Im Jahr davor war sein zweiter Gedichtband, »Baranek Lawiny«
(1980; Ü: Das Lämmchen der Lawine), erschienen; wenig später folgte
»Oda do ognia« (1982; Ü: Ode an das Feuer). 1984 wurde Kronholds
Gedicht »Astigmatismus« ins Deutsche übersetzt und in der Anthologie
»Ein Jahrhundert geht zu Ende« veröffentlicht.
Zum 21-jährigen Jubiläum des Warschauer Pakts
organisierte Kronhold 1989 in seiner Heimatstadt Cieszyn eine
Demonstration, während der sich Polen bei den Tschechoslowaken für die
Beteiligung polnischer Soldaten an der Niederschlagung des Prager
Frühlings entschuldigten und an der auch einige Parlamentsmitglieder
teilnahmen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa
gründete Kronhold das Theaterfestival »Na granicy« (Auf der Grenze) und
veröffentlichte seinen Gedichtband »Niż« (1990; Ü: Tief). 1991 wurde er
polnischer Generalkonsul im tschechischen Ostrava, und in den letzten
Jahren leitete er das Polnische Kulturinstitut in Bratislava.
Mit »Wiek Brazu« (Ü: Bronzezeitalter) legte
Kronhold im Jahr 2000 seinen jüngsten Gedichtband vor, der ihm als
Lyriker erneute Aufmerksamkeit verschaffte. In den kurzen Gedichten
vollzieht der Autor einen leisen und mitunter ironischen Abschied von
der Geste ungestümen Protests. Einige Ikonen der Jugend wie Jan Palach
und Ulrike Meinhof werden zitiert, darunter auch Jesus, dessen Name
sich allerdings als Leuchtreklame für Jeans herausstellt. Ganz anders
als in seinen frühen Texten filtert der Autor hier das Wunderbare und
Bedeutsame aus verschiedenen Aspekten des Alltags.
2004 wurde Kronhold für seine Verdienste um die
Verständigung zwischen Polen, Tschechien und der Slowakei das goldene
Verdienstkreuz der Republik Polen verliehen. Seit einiger Zeit lebt er
mit seiner Familie auf dem Lande.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Samopalenie
Wydawn. Literackie
Kraków, 1972
Baranek Lawiny
Wydawn. Literackie
Kraków, 1980
Oda do ognia
Beskidzkie Towarzystwo Społeczno-Kulturalne
Bielsko-Biała, 1982
Niż
Towarzystwo im. Zofii Kossak
Cieszyn, 1990
Wiek Brazu
Wydawn. a5
Kraków, 2000 |