Gast des ilb 2006
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren und wuchs in London auf. Er studierte in Cambridge und Harvard und zog 1981 nach Italien, wo er bis heute lebt und an der Universität Mailand Literarisches Übersetzen lehrt. Im Laufe seiner produktiven Schriftstellerkarriere veröffentlichte Parks 13 Romane, zahlreiche Essays, kurze Geschichten und wissenschaftliche Abhandlungen. Bereits für seinen ersten Roman »Tongues of Flame« (1985; dt. »Flammenzungen«, 1990) wurde er mit dem Somerset Maugham Award und dem Betty Trask Prize ausgezeichnet. In seinem Debüt erzählt Parks aus der Perspektive eines Fünfzehnjährigen die Entwicklung einer religiösen Obsession. Die straffe, unprätentiöse Prosa bildet dabei einen spannenden Gegensatz zur Komplexität der geschilderten Emotionalität.
Die Romane Parks zeichnen sich insgesamt durch ihre bravouröse Verbindung heterogener Bestandteile aus. Der inneren Zerrissenheit seiner Charaktere begegnet der Autor mit nahezu groteskem Humor, und er hält dabei scheinbar mühelos die Balance zwischen dem Tragischen und dem Banalen oder – wie »Die Zeit« schrieb – »zwischen Tragödie und Soap«. Neben gescheiterten, gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen und existentiellen Lebenskrisen behandeln die Romane oft die latenten Zerstörungskräfte unter den anscheinend heilen Fassaden politischer oder gesellschaftlicher Institutionen. Dabei legt der Moralist Parks den Finger in so manche Wunde moderner Bürgerlichkeit, wie der Titel seiner Essaysammlung »Adultery and Other Diversions« (1998; dt. »Ehebruch und andere Zerstreuungen«, 1999) veranschaulicht.
Wie häufig in seinen Romanen bedient sich Parks auch in »Judge Savage« (2003; dt. »Doppelleben«, 2003) einer Verbindung aus personaler Erzählung und innerem Monolog. In dem nervösen, sprunghaften Bewusstseinsstrom des Protagonisten wird geschildert, wie die Welt um den erfolgreichen Richter David Savage zusammenbricht. Sein jüngstes Werk »Cleaver« (2006, dt. »Stille«, 2006) verbindet den Schauplatz einer beeindruckenden Naturlandschaft mit der labilen Gefühlswelt des berühmten und gefürchteten Fernsehjournalisten Harold Cleaver, der den plötzlichen Drang verspürt, seiner Familie, seinen Kollegen und der medialen Öffentlichkeit zu entfliehen. In Südtirol macht er sich auf die Suche nach einer Berghütte »über der Lärmgrenze«. Dort lebt er in völliger Abgeschiedenheit und Stille, ist für niemanden erreichbar und kann mit niemandem kommunizieren, da er die Sprache der Einheimischen nicht versteht. Dennoch findet er keine Ruhe, denn die Gedanken, die Stimmen in seinem Kopf werden immer lauter und verstörender.
Zum nichtfiktionalen Werk des Autors gehören eine Abhandlung über Literaturübersetzung und drei Bücher über das Leben in seiner Wahlheimat Norditalien, in denen Parks so scharfsinnig wie humorvoll die italienische Mentalität beleuchtet. »Medici Money« (2005), eine historische Abhandlung über den Aufbau des Bankenwesen der Medici und ihre Wertschätzung von Philosophie und Kunst, erschien 2007 in deutscher Sprache unter dem Titel »Das Geld der Medici«. Einige seiner Essays, die zum Teil schon in Zeitungen wie der »New York Review of Books« erschienen waren, sind auch in zwei Sammelbänden erschienen. Der Autor übertrug zahlreiche Werke italienischer Autoren wie Alberto Moravia, Antonio Tabucchi, Roberto Calasso und Italo Calvino ins Englische. Für sein übersetzerisches und schriftstellerisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet. Parks lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Verona.
© internationales literaturfestival berlin
Tim Parks online: www.timparks.com
BIBLIOGRAFIE:
Flammenzungen
Rowohlt
Reinbek, 1992
[Ü: Veronika Cordes]
Ein Haus im Veneto
Goldmann
München, 2002
[Ü: Katarina Foers, Gerlinde Schermer-Rauwolf]
Schicksal
Goldmann
München, 2003
[Ü: Ulrike Becker]
Eine Saison mit Verona
Goldmann
München, 2003
[Ü: Andreas Jäger]
Doppelleben
Goldmann
München, 2004
[Ü: Michael Schulte]
Weißes Wasser
Kunstmann
München, 2005
[Ü: Ulrike Becker]
Ehebruch und andere Zerstreuungen
Kunstmann
München, 2006
[Ü: Ulrike Becker]
Stille
Kunstmann
München, 2006
[Ü: Ulrike Becker]
Das Geld der Medici
Kunstmann
München, 2007
[Ü: Susanne Höbel] |