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 © Hartwig Klappert
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Abdelwahab Meddeb
Tunesien/Frankreich
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Gast des ilb 2002, 2003, 2006
»Ich stamme aus einer traditionellen Familie muslimischer Theologen und Gelehrter in Tunis, die der theologischen Tradition angehört, und ich habe in den fünfziger Jahren in einer der Hochburgen des Islam der Entschleierung der Frauen beigewohnt, im Namen einer Ideologie der Verwestlichung und der Modernität. Es war für mich wie ein Schock, als sich die Frage des Schleiers und der Wiederverschleierung der Frauen in einer der Hochburgen der Freiheit und der westlichen Kultur erneut stellte, nämlich in Frankreich, in Paris. Ich fragte mich, was geht hier vor, wo liegt das wirkliche Problem?« Abdelwahab Meddeb ist ein Grenzgänger, wie sie die aktuelle Literatur nur wenige kennt, und er stellt Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt – wie in diesem Interview mit dem Magazin »Lettre International«. 1946 in Tunis geboren, besitzt er heute die französische Staatsangehörigkeit. Tunesien und Frankreich sind ihm gleichermaßen vertraut. Aber in seinem belletristischen wie auch seinem wissenschaftlichen Werk beschäftigt er sich vorrangig mit den Wurzeln und der Geschichte des Islam, seinen Literaturen, seiner Kultur und der problematischen Integration muslimischen Denkens in den Prozess der Moderne. So ist er nach dem 11. September umso mehr zu einem vielgefragten Experten für den interkulturellen Austausch geworden, der nun von vielen als Schock kultureller Verschiedenheit empfunden und nur von wenigen verstanden wird. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und der Literaturwissenschaft war Meddeb für kurze Zeit Lektor in einem großen Pariser Verlag, bevor er bei den »Editions Sindbad« von 1974 bis 1988 seine eigene belletristische Reihe betreute. Zwei seiner in jenen Jahren entstandenen Romane sind auch ins Deutsche übersetzt worden. In »Talismano« (1979; dt. 1993) imaginiert ein Ich-Erzähler in Paris einen Streifzug durch Tunis, die Stadt seiner Kindheit, und vergegenwärtigt dem Leser die vielfältige Sinnlichkeit einer arabischen Medina. In »Phantasia« (1986; dt. »Aya«, 1998) hingegen bewegt sich der erzählende Flaneur durch die Stadtlandschaft von Paris und knüpft somit an die Stadtbegehungen Walter Benjamins an. Seit Anfang der neunziger Jahre widmet sich Meddeb zunehmend akademischen Belangen; so wurde er von Universitäten und Forschungszentren in Genf, Florenz, Paris und Yale zu Gastdozenturen eingeladen. Die meiste Zeit lebt er jedoch als freier Schriftsteller und Publizist in Paris.
In seinem Buch »La Maladie de l'Islam« (2002; dt. »Die Krankheit des Islam«, 2002) versucht er, eine exakte Analyse des zeitgenössischen Islam zu geben. Auf der einen Seite kontrastiert er die poetische Tradition der Freidenker und mittelalterlichen Mystiker mit der militanten Tradition der Dogmatiker und fanatischen Puristen, auf der anderen Seite kritisiert er die vereinfachte Sichtweise im Westen, die den Islam zum Feindbild macht. Meddeb betont die Notwendigkeit einer genaueren Kenntnis der Tradition. Schriftsteller wie Ibn Arabi, Dante und Yehuda Halevi gelten ihm als Vordenker einer humaneren Welt, deren Philosophien sich ergänzen, anstatt zu kollidieren. 2004 erschien in Deutschland sein Lyrikband »Ibn Arabis Grab« (OT: »Tombeau d'Ibn Arabi«, 1987), der neben den französischsprachigen Prosagedichten auch arabische und deutsche Nachdichtungen enthält. Zuletzt nahm Meddeb in »L'exil occidental« (2005; Ü: Das abendländische Exil) eine Erzählung des persischen Mystikers Sohrawardi auf und veröffentlichte in der deutschen Ausgabe von "Lettre International" (2006) den Aufsatz "Der Koran als Mythos".
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
Phantasia
Sinbad
Paris, 1986
La gazelle et l'enfant
Actes Sud
Paris, 1992
Talismano
Wunderhorn
Heidelberg, 1993
[Ü: Hans Thill]
Aya
Wunderhorn
Heidelberg, 1998
[Ü: Hans Thill]
Die Krankheit des Islam
Wunderhorn
Heidelberg, 2002
[Ü: Beate und Hans Thill]
Ibn Arabis Grab
Wunderhorn
Heidelberg, 2004
[Ü: Hans Thill, Mohammed Bennis]
L'exil occidental
Albin Michel
Paris, 2005
Der Koran als Mythos
in: Lettre International
Berlin, 2006
www.lettre.de/aktuell/73_Meddeb.html
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