Paal-Helge Haugen,
geboren 1945 im südnorwegischen Valle, trat bereits während seines
Medizinstudiums in Oslo als Literat in Erscheinung. Den Anfang seines
umfangreichen Werkes machte 1965 ein Band mit Übersetzungen japanischer
Haikus. Kurz darauf erschienen Nachdichtungen chinesischer Gedichte und
seine erste Sammlung eigener Lyrik, »På botnen av ein mørk sommar«
(1967; Ü: Auf dem Grund eines dunklen Sommers), sowie sein einziger
Roman »Anne« (1968; dt. 1989), der unter der neuen Gattungsbezeichnung
»Punktroman« in die Literaturgeschichte Norwegens eingehen sollte. Ein
Film- und Theaterstudium führte ihn 1971 in die USA. 1973-1978 lehrte
er in Norwegen Kreatives Schreiben. Seither arbeitet Haugen als freier
Schriftsteller.
»Zweifellos«, so Haugen in einem Interview, »hätte
ich mich in meinem eigenen Schreiben ganz anders entwickelt, hätte ich
die Haiku-Poesie nicht zu einem so frühen Zeitpunkt entdeckt. Das
Verhältnis zur konkreten Welt, der Versuch, Sprache wie ein Stück
konkrete Materie zu behandeln, war entscheidend.« Auch die knappe,
präzise Diktion der japanischen Kurzform und die unvermittelte
Überlagerung von Bildern haben in seinen Texten so deutliche Spuren
hinterlassen, dass Haugen in bezug auf den Roman »Anne« im Nachhinein
sogar von »einer Art Haiku-Roman« sprechen kann. »Anne« erzählt die
Geschichte eines Mädchens im ländlichen Norwegen um 1900, das
schließlich an Tuberkulose stirbt. Doch wird nicht im traditionellen
Sinne »erzählt«, vielmehr entsteht die Biografie aus unverbunden
nebeneinander stehenden kurzen Textfragmenten. Faszinierend daran ist
die Gleichzeitigkeit von mitunter dokumentarischer Präzision und dunkel
suggestiver Kraft, die aus dem Wechsel von Text und Leerstellen
entsteht.
Sprachlich klar, exakt und doch überaus sinnlich
ist auch Haugens Lyrik, die häufig in Zusammenarbeit mit bildenden
Künstlern und Musikern entstand. Bedenkt man, wie zentral das
Metaphernfeld »Licht/Dunkel« für Haugen ist – viele Titel seiner
Lyrikbände verweisen darauf –, verwundert es wenig, dass er, als er
1979 auf den französischen Barock-Maler Georges de La Tour stieß, das
Gefühl hatte, den Künstler »seit jeher gekannt« zu haben. La Tours
Gemälde, bekannt für ihre eindringliche Lichtinszenierung, standen
zunächst Modell für eine Reihe von Bildbeschreibungen, die sich im
Laufe eines jahrelangen Prozesses immer mehr von den Bildern
entfernten. Die »Meditasjonar over Georges de La Tour« (1990; dt.
»Meditationen über Georges de La Tour«, 1993) sind am Ende als
lyrischer Kommentar, als Aneignung und Übertragung von La Tours
visueller Kraft völlig eigenständig. In ihnen findet Haugens Fähigkeit,
von visuellen Eindrücken ausgehend zu sprachlichen Verdichtungen
existentieller Bedingungen zu gelangen, einen Höhepunkt.
Neben zahlreichen Lyrikbänden umfasst Haugens
Œuvre auch Kinderbücher, Erzählungen, Essays, Dramen, Libretti und
Oratorien sowie Übersetzungen aus dem Englischen und Deutschen (u.a.
Pinter und Brecht). Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen
ausgezeichnet, darunter der Literaturpreis des Norwegischen
Kulturrates, der Richard Wilbur Prize und der norwegische
Kritikerpreis. Er lebt in Greipstad in Südnorwegen.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
På botnen av ein mørk sommar
Det Norske samlaget
Oslo, 1967
Das überwinterte Licht
Kleinheinrich
Münster, 1988
[Ü: Siegfried Weibel]
[Bilder: Jan Groth]
Anne
Kleinheinrich
Münster, 1989
[Ü: Siegfried Weibel]
Meditationen über Georges de La Tour
Kleinheinrich
Münster, 1990
[Ü: Siegfried Weibel]
[Bilder: Olav Christopher Jenssen]
Sone o
Cappelen
Oslo, 1992
Ei natt på jorda
Cappelen
Oslo, 1993
Hertervig
Cappelen
Oslo, 1995
Sangbok: nye tekster 1969
Aschehoug
Oslo, 1998 |