Gast des ilb 2003 und 2006
Der indische Schriftsteller und Diplomat Shashi Tharoor
wurde 1956 in London geboren, als sein Vater dort für die
englischsprachige indische Zeitung »The Statesman« tätig war. Tharoor
studierte in Indien und in den Vereinigten Staaten, wo er mit 22 Jahren
in Jura promovierte und anschließend in den Dienst der Vereinten
Nationen trat. Während der Krise um die vietnamesischen »Boat People«
in den siebziger Jahren leitete er das Büro des UN-Flüchtlingswerks in
Singapur und koordinierte später friedenssichernde Maßnahmen im
früheren Jugoslawien. Von 1997 bis 1998 war er Assistent von
UNO-Generalsekretär Kofi Annan, 2002 wurde er von diesem zum Leiter der
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der UNO ernannt.
Tharoor, der seine diplomatische Tätigkeit
zunächst nur als vorübergehend betrachtete, bezeichnet Schreiben und
seine Arbeit für die UNO als zwei gleichermaßen wichtige Aspekte seines
Lebens. »Wenn ich das eine oder das andere aufgeben müsste, würde ein
Teil meiner Seele sterben.« Sein Werk befasst sich mit einem zentralen
Gegenstand: seiner Heimat Indien. So treu er diesem Thema bleibt, so
unterschiedlich sind die literarischen Gattungen, in die er es kleidet:
Neben Romanen verfasst er Zeitungsartikel, Kurzgeschichten, Sachbücher
und wissenschaftliche Arbeiten. »The Great Indian Novel« (1989; dt.
»Der große Roman Indiens«, 1995) ist eine moderne, ironisierende
Adaption des 2000 Jahre alten Nationalepos »Mahabharata« – erzählt aus
Sicht des 20. Jahrhunderts. »Show Business« (1992; dt. »Bollywood«,
2006) – verfilmt unter dem Titel »Bollywood« und jüngst ins Deutsche
übersetzt – ist eine Satire auf die indische Filmindustrie. Für seine
Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1991 den
Commonwealth Writers' Prize.
Tharoors jüngster Roman »Riot. A Love Story«
(2001; dt. »Aufruhr. Eine Liebesgeschichte«, 2002) erzählt vor dem
Hintergrund religiöser Spannungen die Geschichte der heimlichen Liebe
zwischen einer Amerikanerin und einem verheirateten Regierungsbeamten.
Nach Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems bei einer Prozession
wird die Frau erstochen aufgefunden. Wie schon in seinem Sachbuch
»India. From Midnight to the Millennium« (1997; dt. »Indien. Zwischen
Mythos und Moderne«, 2000) verzichtet Tharoor auch hier auf eine
durchgängige Erzählperspektive. Stattdessen verknüpft er virtuos
fiktive Zeitungsartikel, Tagebucheinträge, Briefe und
Gesprächsaufzeichnungen zu einer Collage, die dem Leser nicht nur
überlässt, welcher Wahrheit er folgen möchte, sondern auch deutlich
macht, dass die indische Realität mit ihrer langen und wechselvollen
Geschichte und ihren gegenwärtigen Pluralismen und Konflikten weitaus
komplexer ist, als dass sie sich auf eine einfache Formel bringen
ließe: »Was immer man über Indien sagt – das Gegenteil ist auch
richtig», sagt der Autor.
Nach der Biografie des Staatsmanns und Wegbegleiters Ghandis »Nehru:
The Invention of India« (2003; dt. »Die Erfindung Indiens«, 2006)
veröffentlichte Tharoor zuletzt den Essayband »Bookless in Baghdad«
(2005; Ü: Buchlos in Bagdad). Darin versammelt der Vielleser und
Weltreisende eine Fülle von Erlebnissen, Reflexionen und Anekdoten rund
ums Buch und die Tätigkeit des Lesens. Tharoor lebt in New York.
© internationales literaturfestival berlin
Shashi Tharoor online: www.shashitharoor.com/index.shtml
BIBLIOGRAFIE:
Reasons of State
Vikas Pub House
Neu-Delhi, 1982
Der große Roman Indiens
Claassen
Hildesheim, 1995
[Ü: Anke Kreutzer]
Indien. Zwischen Mythos und Moderne
Insel
Frankfurt/Main, 2000
[Ü: Max Looser]
Aufruhr
Insel
Frankfurt/Main, 2002
[Ü: Anke Kreutzer]
Kerala, God’s Own Country
Books Today
Neu-Delhi, 2003
[Ill: M.F. Husain]
Bookless in Baghdad
Arcade Pub.
New York, 2005
Die Erfindung Indiens
Insel
Frankfurt/Main, 2006
[Ü: Peter Knecht]
Bollywood
Insel
Frankfurt/Main, 2006
[Ü: Peter Knecht] |