Gast des ilb 2006
Dag Solstad wurde 1941 im norwegischen Sandefjord geboren. Er trat in den sechziger Jahren mit experimentellen Prosastücken hervor und veröffentlichte inzwischen fast dreißig Bücher, darunter vor allem Romane, aber auch Novellen, Dramen und Artikelsammlungen. Mit »Arild Asnes« (1970), der Geschichte eines jungen Mannes, der einen gewaltsam herbeigeführten Wandel der Gesellschaft für notwendig hält, begann Solstad eine Reihe von politischen Romanen, zuletzt »Gymnaslærer Pedersens beretning om den store politiske vekkelsen som har hjemsøkt vårt land« (1982; Ü: Gymnasiallehrer Pedersens Bericht über die große politische Erweckung, die unser Land heimgesucht hat). Die Verfilmung des Romans lief 2006 in den Kinos an. Im Jahr der Ersterscheinung veröffentlichte Solstad – zusammen mit dem Krimiautor Jon Michelet – ebenfalls ein Buch über die Fußballweltmeisterschaft (»VM i fotball 1982«), dem bis 1998 alle vier Jahre ein weiteres folgte.
Solstad rückte später verstärkt die Bewusstseinszustände und Schicksale von Individuen in den Mittelpunkt seiner Werke und gab angesichts der Ausbreitung der modernen Konsumgesellschaften die Hoffnung auf politischen Wandel auf. Sein »Ellevte roman, bok atten« (1992; dt: »Elfter Roman, achtzehntes Buch«, 2004) entwirft in präziser Prosa, die sich weitgehend auf einen inneren Monolog beschränkt und Fakten kommentarlos präsentiert, die Figur eines Einzelgängers, dem die Anpassung an eine gesellschaftliche Rolle ebenso wenig gelingt wie die Auflehnung dagegen. Nachdem seine Beziehungen zu zwei Frauen sowie zu seinem Sohn gescheitert sind, verfällt er auf eine so verzweifelte wie selbstgefällige Art der Auflehnung – die viele Kritiker an Max Frischs »Mein Name sei Gantenbein« erinnerte.
Der zweite ins Deutsche übersetzte Roman, »Professor Andersens natt« (1996; dt. »Professor Andersens Nacht«, 2005), schildert zugleich distanziert und deutlich die existenziellen Schwierigkeiten des Vertreters einer gesellschaftlichen Elite, die sich über ihre Unangepasstheit definiert. Auch der demnächst auf Deutsch erscheinende Roman »Genanse og verdighet« (1994; Ü: Scheu und Würde) thematisiert die Unzufriedenheit des Individums mit den Rollen, die es zu spielen hat. Erzählt wird von einem Lehrer und Ehemann, der in beiden Rollen unglücklich ist.
Solstad gilt als einer der bedeutendsten norwegischen Schriftsteller. Als bisher einziger Autor wurde er drei Mal mit dem Norwegischen Kritikerpreis ausgezeichnet. Neben anderen Ehrungen erhielt er den Literaturpreis des Nordischen Rates, den Gyldendalpreis, den Brage-Ehrenpreis und den Aschehougpreis. Nach seinem autobiografischen Roman »16.07.1941« (2002) veröffentlichte Solstad zuletzt die Sammlung »Artikler 1993-2004« (2004). Der Autor lebt in Oslo und seit vier Jahren auch in Berlin.
© internationales literaturfestival berlin
BIBLIOGRAFIE:
VM i fotball 1982
[mit Jon Michelet]
Oktober
Oslo, 1982
Arild Asnes
Bokklubben nye bøker
Oslo, 1996
Gymnaslærer Pedersens beretning ...
Bokklubben nye bøker
Oslo, 1996
16-07-1941
Oktober
Oslo, 2002
Genanse og verdighed
Oktober
Oslo, 2002
Artikler 1993-2004
Oktober
Oslo, 2004
Elfter Roman, achtzehntes Buch
Dörlemann
Zürich, 2004
[Ü: Ina Kronenberger]
Professor Andersens Nacht
Dörlemann
Zürich, 2005
[Ü: Ina Kronenberger] |