10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Tomas Venclova  [ Litauen ]

Biographie

Portrait Venclova
Copyright Venclova / C. privat

Gast des ilb 2012, 2017.

Bibliographie

Forms of Hope

The Sheep Meadow Press

Rhinebeck, 1999

Vor der Tür das Ende der Welt

Hanser

München, 2002

[Ü: Rolf Fieguth]

Vilnius. Eine Stadt in Europa

Suhrkamp

Frankfurt a. M., 2006

[Ü: Claudia Sinnig]

Gespräche im Winter

Suhrkamp

Frankfurt a. M., 2007

[Ü: Claudia Sinnig u. Durs Grünbein]

Der magnetische Norden

Gespräche mit Ellen Hinsey

Suhrkamp

Berlin, 2017

[Ü: Claudia Sinnig]

Tomas Venclova wurde 1937 in der Hafenstadt Klaipėda (einst Memel) in Litauen geboren. Er studierte Lituanistik sowie russische Literatur in Vilnius. Während längerer Aufenthalte in Moskau (1961–1965) und Leningrad (1969–1972) verkehrte er mit anderen Literaten wie Anna Achmatowa, Alexander Ginzburg und Joseph Brodsky und engagierte sich auch in der Bürgerrechtsbewegung. Zwischen 1966 und 1971 nahm er ein zweites Studium der Semiotik und russischen Literatur an der estnischen Universität Tartu auf. Nach seiner Rückkehr nach Vilnius lehrte Venclova Literaturgeschichte und Semiotik an der dortigen Universität. 1976 war er Mitbegründer der litauischen Helsinki-Gruppe, die sich für die Verteidigung der Menschenrechte einsetzte. Im darauffolgenden Jahr gelang es ihm mit der Hilfe von Brodsky und der Vermittlung von Czesław Miłosz, in die USA zu emigrieren, wo er als Gastdozent an der University of California in Berkeley lehrte. Infolgedessen wurde er ausgebürgert und erhielt politisches Asyl in den USA. 1980 bis 2012 unterrichtete er slawische Literatur in Yale, wo er 1985 promovierte und 1993 habilitierte.

Da seine lyrischen wie essayistischen Texte in seiner Heimat von der Zensur unterdrückt wurden, entstand Venclovas Werk überwiegend erst im Exil. Eines seiner ersten Gedichte, »Hidalgo«, veröffentlichte er im Samisdat, u.~a. als Reaktion auf die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands von 1956; darin heißt es: »Niemals werden wir durchschaun, warum~/ uns bestimmt sind Plätze und Tribünen,~/ Kugel, Galgenstrick und Panzerturm.« Venclova gilt zweifelsohne als einer der bedeutendsten osteuropäischen Dichter. Er arbeitet in seiner äußerst formalen Lyrik, gerade hinsichtlich Rhythmik und Klang, die besonderen Qualitäten des Litauischen heraus. Inhaltlich thematisiert er u.~a. Zeitgeschichte, Heimatverlust und nicht zuletzt den sprachlichen Ausdruck selbst. Ein Teil von Venclovas Werk liegt auch in deutscher Übersetzung vor: die Gedichtbände »Vor der Tür das Ende der Welt« (2002) und »Gespräche im Winter« (2007) sowie sein Stadtporträt »Vilnius. Eine Stadt in Europa« (2006). 2017 erschien außerdem »Der magnetische Norden«, in dem er in Gesprächen mit Ellen Hinsey sein Leben rekapituliert sowie über Fragen der Poesie, über die Politik der Großmächte und die verwickelte Geschichte Mittelosteuropas spricht.

Venclova ist auch als Übersetzer ins Litauische tätig, u.~a. von Achmatowa, Brodsky, Miłosz, Boris Pasternak, Ossip Mandelstam, von Baudelaire, Michaux, Pound und Eliot. Im Sommersemester 2010 hatte er die Samuel-Fischer-Gastprofessur für Literatur an der Freien Universität Berlin inne. Seit 2013 ist er Ehrenbürger der Stadt Vilnius, im selben Jahr wurde ihm der Verdienstorden der Republik Polen verliehen. 2014 erhielt er zusammen mit Franz Mon den Petrarca-Preis. Er lebt in New Haven, Connecticut, und Vilnius.

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